Argentinien I / Chile III

13. Etappe: Villa O'Higgins nach Punta Arenas

08.11.2016 - 03.12.2016

Wir haben auf der bisherigen Reise schon einige Landesgrenzen passiert; die Überfahrt von Chile nach Argentinien war allerdings mit Abstand die abenteuerlichste. In einem Fenster mit günstigen Windverhältnissen am frühen Morgen des Abfahrtstags begaben wir uns auf eine kleine Fähre. Nach schaukelnder Fahrt auf dem dennoch unruhigen Lago O’Higgins erhielten wir kurz darauf bei einem chilenischen Grenzposten den Ausreisestempel. Danach betraten wir „Niemandsland”. Der argentinische Zoll lag nämlich 22 km entfernt auf der anderen Seite eines kleinen Passes. Gleich zu Beginn stieg die Naturstrasse sehr steil an. Zu steil, um die Höhenmeter mit unseren schweren Velos im Sattel bewältigen zu können. Also war Schieben angesagt – Lagunenrouten-Feeling pur! Auf dem Pass angekommen, hiess uns Argentinen bereits mit einem grossen Schild freundlich willkommen. Weniger freundlich war, dass genau da der Weg zu Ende war. Von nun an ging es auf einem schmalen Pfad quer durch das Gehölz weiter.

 

Für die verbleibenden 6 km schlängelten wir uns also durch dichtes Gebüsch, balancierten auf Baumstämmen über Bäche und Flüsse, wateten durch knöcheltiefen Schlamm und zwängten uns durch ausgewaschene Spurrinnen. Die Strecke hätte bestimmt eine schöne und abwechslungsreiche Wanderung hergegeben, wir hatten aber leider unsere unhandlichen Reiseräder an der Backe. Dieser zweite Teil des Grenzübergangs stellte für uns demnach eine ziemliche Herausforderung dar. Während wir zu Beginn unsere Schuhe wegen des Schlamms noch mit Abfallsäcken einpackten und bei tiefen Bächen unsere Taschen einzeln ans andere Ufer trugen, so verloren wir mit fortschreitender Zeit zunehmend die Nerven. In der Folge wateten wir direkt durch Wasser und Schlamm und hievten die Velos mitsamt Gepäck durch das tiefe Wasser. Die Zeit drängte, denn wir wollten es auf die zweite Fähre um 17 Uhr schaffen, da wir nicht einen ganzen Tag auf die nächste warten wollten. Als wir mit pitschnassen Schuhen endlich auf der anderen Seite des Passes ankamen, waren wir zwar erschöpft, doch es reichte uns nach der offiziellen Einreise gerade noch auf das Boot über den „Lago Desierto“. An dieser Stelle ein Lobgesang auf unsere Velo-Taschen. Obwohl wir sie einige Male länger als geplant im Flusswasser badeten, blieben sie im Innern schön trocken.

 

Geschafft! Ankunft am argentinischen Grenzposten
Geschafft! Ankunft am argentinischen Grenzposten

Unser erster Stopp in Argentinien war in El Chaltén, das bei Touristen als Wanderparadies rund um den spektakulären Berg „Fitz Roy” bekannt ist. Als bei der Hinfahrt die Wolken die Spitze dieses imposanten Bergs plötzlich freigaben, waren wir mehr als begeistert und beschlossen spontan, einen Tag in dem Dorf zu verweilen um auf einer Wanderung dem Fitz Roy noch etwas näher zu kommen. Am nächsten Morgen war der Berg allerdings komplett in einen grauen Wolkenmantel gepackt. Wir wanderten trotzdem los, denn unsere Erfahrung mit dem schnell wechselnden Wetter in Patagonien stimmte uns optimistisch. Das Wetter änderte sich tatsächlich rasch. Dieses Mal jedoch nicht zu unseren Gunsten. In Kürze dehnten sich die Wolken nämlich über dem ganzen Tal aus und das war‘s dann mit Sonnenschein für diesen Tag. Stattdessen brachten die Wolken abwechselnd Regen und Schnee. Dazu wehte ein eiskalter Wind. Die raue Natur mit viel Fels und karger Pflanzenwelt entlang des Wanderwegs gefiel uns zwar sehr gut, unter diesen Bedingungen hatte es jedoch keinen Wert, bis zum Aussichtspunkt aufzusteigen. So drehten wir etwas enttäuscht um. Als wir am nächsten Tag weiterfuhren, glitzerte der imposante Fitz Roy im Sonnenlicht als wäre es nie anders gewesen...

 

 

Fitz Roy im schönsten Sonnenschein, leider schon ganz weit weg
Fitz Roy im schönsten Sonnenschein, leider schon ganz weit weg

Mit der Einreise nach Argentinien hat sich auch die Vegetation stark verändert. Während wir in Chile durch saftig grüne Landschaften fuhren, unzählige Wasserfälle passierten oder Flussläufen folgten, trafen wir in Argentinien auf trockene Steppe. Niedrige Büsche, kahle Sträucher und zerzauste Grasbüschel zeichnen hier das Bild. Dazu oder gerade deswegen wurden wir mit extremen Windstärken konfrontiert. Einerseits macht es natürlich Spass, wenn man es ohne auch nur einmal in die Pedale zu treten auf 40 km/h bringt. Fährt man allerdings gegen den Wind, hat man das Gefühl, man werde von hinten festgehalten. Denn selbst als wir alle möglichen Kräfte mobilisierten und wie wild gegen den Wind ankämpften, kamen wir kaum auf 10 km/h. Da der Wind im südlichen Patagonien grundsätzlich immer aus westlicher Richtung, also vom Pazifik her bläst, wechselten sich Rücken- und Gegenwind ständig ab. Dabei können sich in dieser Öde locker Windgeschwindigkeiten von 120 km/h entwickeln. Im Extremfall können die Winde angeblich auch mit bis zu 200 km/h über die Region hinwegfegen. Zelten gestaltet sich unter solchen Bedingungen natürlich ganz schön knifflig. Unser Zelt ist zwar ziemlich stabil, wir möchten aber nicht unbedingt testen, ob es den heftigen Böen standhält. Deshalb suchten wir uns jeweils ein Plätzchen im Windschutz. Bisher hatten wir immer wieder Glück und trafen trotz Steppe jeden Abend auf eine kleine Baumgruppe, ein Gebäude, einen Strauch oder so ähnlich, in deren Windschatten wir nächtigen konnten.

 

Das nächste Ziel war El Calafate, eine Stadt in unmittelbarer Nähe des „Perito Moreno“-Gletschers. Dies ist ein Ausläufer des grossen patagonischen Inlandeises „Campo de Hielo Sur” mit einer besonders eindrücklichen Gletscherfront, die am höchsten Punkt über 70 m aus dem Wasser ragt. Von gut ausgebauten Besucherplattformen aus kann man dieses Naturwunder bequem bestaunen. Dabei wird man immer wieder Zeuge, wie hausgrosse Eisbrocken krachend abbrechen und mit lautem Getöse in den türkisfarbenen See stürzen, um dort eine grosse Flutwelle auszulösen. Da der Perito Moreno als eines der beliebtesten Touristenziele Argentiniens gilt, muss man das Spektakel halt mit einigen hundert Touristen teilen. Dennoch war es unvergesslich, dem beeindruckenden Gletscher so nahe zu kommen.

 

 

Abgebrochene Eisbrocken treiben vor der Gletscherfront des Perito Moreno
Abgebrochene Eisbrocken treiben vor der Gletscherfront des Perito Moreno

Nach El Calafate wurden wir erneut vom schlechten Wetter heimgesucht. Wir fuhren bereits einige Kilometer in strömendem Regen – Unterstände sucht man in der Steppe natürlich vergeblich – als plötzlich ein Kleinbus hupend vor uns anhielt. Der Fahrer stieg aus und konnte es nicht fassen, dass wir in diesem Wetter mit dem Velo unterwegs waren. Er bot uns freundlich an, uns in seinem ohnehin leeren Bus mitzunehmen. Da wir sehr gut im Zeitplan liegen, wollten wir eigentlich nicht abkürzen. Das nasse Wetter, die eintönige Landschaft und das Insistieren des netten Busfahrers liessen uns das Angebot dann doch dankend annehmen. So sassen wir fünf Minuten später mit gut verfünffachter Reisegeschwindigkeit bei Don Pepe im warmen, trockenen Bus. Er brachte uns bis zu einer Farm, eine südpatagonische Estancia, eine Tagestour von unserem nächsten Zielort entfernt. Weil er dort mit dem Koch und den Arbeitern, den Gauchos, befreundet ist, wurden wir kurzerhand zum Nachtessen eingeladen. Damit nicht genug: Die Gauchos bestanden darauf, dass wir auch auf der Estancia schliefen. So verbrachten wir die Nacht also nicht wie geplant im Zelt, sondern in einem Kämmerchen auf der Estancia. Die Gespräche mit den Gauchos gaben uns Einblicke in ihr raues Arbeitsleben draussen in der wilden Natur. Sie gehen auf dieser Estancia vor allem der Schafzucht nach und kümmern sich um die Bestellung der Kartoffelfelder. Ihre Tätigkeiten verrichten sie wegen des unwegsamen Geländes meist hoch zu Ross, die Gauchos sind hervorragende Reiter.

 

Am darauffolgenden Tag stand die Rückkehr nach Chile an. Diesmal waren die beiden Länder glücklicherweise durch normale Strassen verbunden. Die nächste grössere Ortschaft Puerto Natales gilt als Basislager für den nahegelegenen Nationalpark „Torres del Paine”. Da wollten wir eigentlich den berühmten fünftägigen „W-Trek“, eine Wanderung in Form des Buchstabens W, machen. Weil der Park in den letzten Jahren einen immer höheren Besucherandrang verzeichnen konnte, haben die Verantwortlichen dieses Jahr nun zum ersten Mal eine Reservationspflicht für Hütten und Campingplätze eingeführt. Die Reservationen müssen demnach bereits Wochen im Voraus getätigt werden. Für uns Veloreisende sind genaue Ankunftsdaten jedoch sehr schwierig vorherzusagen und eine Reservation war somit nicht möglich. In Patagonien hatte aber gerade die Hauptsaison begonnen und es war alles restlos ausgebucht. Deshalb waren wir zu einer Alternative gezwungen. 

 

Unsere Lösung stand dem W-Trek allerdings, so finden wir nun, in nichts nach. Da wir nur die zwei äusseren Striche des „W” abwanderten, hatten wir dafür Zeit für eine Kajak- und Gletschertour. In einer kleinen Gruppe abseits des grossen Touristenstroms konnten wir auf diese Weise den mächtigen Gletscher „Grey“, der wie der Perito Moreno Teil des patagonischen Inlandeises ist, aus verschiedenen Perspektiven erkunden. Eingepackt in gefütterte Neoprenanzüge – das Wasser ist ca. 2° C warm – paddelten wir also im Zweierkajak über den milchigen Gletschersee. Dabei konnten wir die blau schimmernde Gletscherfront ganz aus der Nähe bestaunen und die im Wasser treibenden Eisberge sogar berühren.

 

Kajaktour beim „Glaciar Grey“
Kajaktour beim „Glaciar Grey“

Für die Wanderung auf dem Eisfeld wurden wir mit Eispickel und Steigeisen ausgerüstet. Nach einer kurzen Einführung in die Kunst des Gletscherwanderns konnte es losgehen. Zuerst schlugen wir die Zacken unserer Steigeisen zwar noch zögerlich ins Gletschereis, zu komisch fühlte sich das Gehen auf dem unbekannten Untergrund an. Schnell gewöhnten wir uns aber daran. Ursprünglich stellten wir uns die Gletscheroberfläche als eher eintöniges, weisses Eisfeld vor. Schon nach den ersten Metern wurden wir dann eines Besseren belehrt. Hügel, Gletscherspalten, Schmelzbäche, Wasserlöcher und Eistunnel machten die Wanderung sehr aufregend. Wir hatten noch nie etwas Vergleichbares gesehen und fühlten uns wie in eine andere Welt versetzt. Da wir zudem für einmal grosses Wetterglück hatten, wagte Michi sogar noch einen Sprung in einen der kleinen, mit Schmelzwasser gefüllten Seen.

 

Das gute Wetter hielt noch etwas an und wir konnten die Strecke bis nach Punta Arenas, die nächste grössere Stadt, bei viel Sonnenschein und sommerlichen Temperaturen zurücklegen. So macht das Fahrradfahren gleich noch mehr Spass! Wir haben es sehr genossen und uns auch Zeit für ein Mittagsschläfchen in der Sonne oder eine Nachmittagsglacé gegönnt. Da wir nun schon sehr südlich sind und hier im Gegensatz zur Schweiz die Tage immer länger werden, haben wir zunehmend mehr Tageslicht. Aktuell beginnt die Morgendämmerung schon vor 4 Uhr und richtig dunkel wird es erst nach 23 Uhr. So kann man es am Morgen gemütlich angehen und dafür am Abend etwas länger fahren. Kurz vor Punta Arenas haben wir ausserdem noch die 10’000-km-Marke geknackt! Unter Fahrradreisenden sind die 10’000er so etwas wie runde Geburtstage. Dies haben wir dann natürlich auch dementsprechend gefeiert.

 

 

10‘000 km – wenn das kein Grund zum Feiern ist
10‘000 km – wenn das kein Grund zum Feiern ist

Mit Feiern ging es auch nach der Ankunft in Punta Arenas weiter, am 29. November war Miriams Geburtstag. Zufälligerweise haben wir genau an dem Tag Miriams Kanti-Freundin Maaike und ihren Freund getroffen. Gemeinsam besuchten wir eine riesige Pinguinkolonie auf der nahen Insel „Magdalena“ und suchten für das Abendessen ein hier typisches Steak-House auf.

 

Nun bleiben wir noch ein paar Tage in unserem gemütlichen Hostel in Punta Arenas bevor wir dann die letzte Südamerika-Etappe nach Ushuaia antreten.

 

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