Argentinien II

14. Etappe: Punta Arenas nach Ushuaia + Buenos Aires

04.12.2016 - 25.12.2016

Unser Start auf Feuerland fing nicht gerade gut an. Als wir nach zweistündigem Packen und einer rasanten Fahrt pünktlich um acht Uhr morgens am Hafen von Punta Arenas ankamen, erfuhren wir, dass die Morgen-Fähre an diesem Tag ausfiel. Stets am dritten Dienstag des Monats fährt nur ein Schiff pro Tag von Patagonien hinüber nach Feuerland. So mussten wir es uns im Wartehäuschen für gut acht Stunden gemütlich machen. Die Überfahrt war ruhig und vor allem kurzweilig, denn wir trafen die Tirolerin Evelin und den Basken Aitor, ein weiteres veloreisendes Pärchen. Sie sind seit sieben (Aitor) respektive fünf (Evelin) Jahren unterwegs und hatten natürlich dementsprechend viele Geschichten auf Lager. Bei Ankunft im Städtchen Porvenir auf Feuerland trennten sich unsere Wege vorerst wieder. Wir zwei waren nach unserer langen Pause in Punta Arenas und der langen Wartezeit am Hafen natürlich hochmotiviert und wollten an diesem Tag noch ein paar Kilometer zurückzulegen. Aitor und Evelin schliefen direkt in Porvenir.

 

Ankunft auf Feuerland
Ankunft auf Feuerland

Die ersten Tage im südlichsten Teil des amerikanischen Kontinents waren ein Traum mit einer Fahrt direkt am Meer, viel Sonnenschein und Rückenwind, der uns trotz Schotterstrasse fast fliegend vorwärtskommen liess. Viel zu früh wechselte dann aber die Strasse die Richtung, was unsere Geschwindigkeit in den einstelligen Bereich zurücksetzte. Auf Feuerland hat man im Vergleich zum bisherigen Patagonien generell mit noch stärkeren Windgeschwindigkeiten zu kämpfen. Dies kann bei Gegenwind sehr frustrierend sein, trotz grösster Anstrengung kommt man kaum mehr vom Fleck. Weht der Wind von der Seite, kann es auf den schmalen, verkehrsreichen Strassen schnell gefährlich werden. Gegen manche Böen ist man auf dem bepackten Velo völlig machtlos und wird einfach mitgerissen. Der absolut rücksichtslose Fahrstil der Argentinier macht diese Situation nur noch schlimmer. Vor etwas mehr als einem Monat kam genau auf unserer Strecke eine veloreisende Japanerin ums Leben. Somit haben wir uns dazu entschlossen, uns lieber an die Nebenstrassen zu halten und es dafür noch etwas länger mit Schotterstrassen aufzunehmen. Es war auf jeden Fall eine gute Entscheidung, denn so konnten wir in vollem Masse von der wunderschönen Landschaft Feuerlands profitieren. Die raue, wilde Natur hier ist überraschenderweise deutlich anders als im bisherigen Patagonien und auf jeden Fall beeindruckend. Die hügelige Landschaft mit dem unruhigen Ozean im Hintergrund bietet in den schnell wechselnden Wetterverhältnissen immer wieder spektakuläre Anblicke. Die Bäume wachsen alle in Windrichtung und sind oft ganz kahl, sodass sie skurrilen Skeletten gleichen. Weil ja aber im Dezember Frühsommer ist, bilden borstige grüne Sträucher mit ihren pastellfarbenen Blüten einen willkommenen Kontrast.

 

Unterwegs entlang der Pazifikküste
Unterwegs entlang der Pazifikküste

Als weiteres Highlight konnten wir nahe Porvenir ein Königspinguin-Reservat besuchen. Es ist der nördlichste Ort, wo man diese unterhaltsamen Vögel antreffen kann. Normalerweise leben sie ja in der Antarktis. Es war zwar sehr schön, nochmals Pinguine in ihrem natürlichen Lebensraum zu sehen. Der Eintrittspreis von 18 Franken pro Person war in unseren Augen jedoch pure Abzockerei. Die Pinguinkolonie liess sich vor ein paar Jahren nämlich auf einem Privatgrundstück nieder und seither macht der Inhaber mit den Touristen das grosse Geschäft...

 

Auf unserer letzten Etappe in Südamerika konnten wir uns nochmals über tolle Zeltplätze und Übernachtungsmöglichkeiten freuen. Immer etwas geschützt vom Wind schliefen wir direkt an einem kleinen See, inmitten einer Baumgruppe oder am Waldrand. So konnten wir das Campingleben auch auf Feuerland nochmals richtig geniessen. Nach einem besonders harten Tag mit konstant starkem Gegenwind, der sich gegen Abend gar zu einem Schneesturm entwickelte, fragten wir bei einer Estancia für Unterschlupf. Nachdem der Pächter höchstpersönlich – weder seine Frau noch sein Angestellter durften die Zusage erteilen – uns die Erlaubnis gab, schlugen wir unser Zelt in einer Scheune auf. Scheinbar hatte ein „Caballito chiquito”, ein kleines Fohlen, seinen Schlafplatz am selben Ort. Nachts kam es zu Besuch, schnupperte aufgeregt am Zelt und wollte wissen, wer sich da wohl in sein Bettchen gelegt hatte. Es konnte sich allerdings gut damit arrangieren; als wir am Morgen von einem weiteren, merkwürdigen Geräusch geweckt wurden, schnarchte das „Caballito“ in einer anderen Ecke der Scheune seelenruhig vor sich hin.

 

Kurz vor Ushuaia haben wir im „Casa de las Cisclistas“ in Tolhuin übernachtet. Der Inhaber der Bäckerei „La Unión” lässt alle Veloreisenden gratis in einem Nebengebäude übernachten und lässt es sich nicht nehmen, die hungrigen Fahrradfahrer abends mit Resten aus der Bäckerei zu versorgen. In Tolhuin sind wir, nachdem sich unsere Wege seit der Fähre immer wieder kreuzten, gemeinsam mit Aitor und Evelin angekommen. Im Verlauf des Tages lernten wir dann auch Micaela und Tim, zwei veloreisende Berner, sowie die Franzosen Morgane und Grégoire kennen. Weil wir alle nach Ushuaia, die südlichste Stadt der Welt, wollten, sind wir nach einem gemeinsamen Pausentag zu acht aufgebrochen. Während zwei Tagen sind wir so in einer langen Karawane ans „Ende der Welt“ gefahren. In der Mitte der Strecke schliefen wir alle in einem verlassenen Ferienhäuschen direkt an einem See. Dabei liessen wir es uns trotz eisigen Wassertemperaturen nicht nehmen, das Schwimmen auf Feuerland auszuprobieren. Um uns wieder etwas aufzuwärmen, machten wir ein grosses Lagerfeuer und genossen plaudernd die kurze Sommernacht. Um Mitternacht war es noch immer dämmrig und der Morgen brach schon kurz nach drei Uhr an.

 

 

Lagerfeuer neben dem verlassenen Ferienhäuschen am Lago Escondido
Lagerfeuer neben dem verlassenen Ferienhäuschen am Lago Escondido

Die Einfahrt in Ushuaia war ein spezieller Moment und löste gemischte Gefühle aus. Einerseits waren wir natürlich sehr glücklich, dass wir es bis nach ganz unten geschafft hatten, andererseits hiess die Ankunft in Ushuaia auch, dass wir die letzten Velokilometer in Südamerika zurückgelegt hatten und sich die Reise somit langsam aber sicher einem Ende zuneigt. Gut konnten wir uns mit unserem letzten Monat in Südafrika vertrösten.

 

In Ushuaia mieteten wir gemeinsam mit den zwei Schweizern und den beiden Franzosen ein Apartment um die horrenden Hotelpreise der Stadt umgehen zu können. Nach einigen Tagen Aufenthalt flogen wir dann bereits weiter nach Buenos Aires. Für einmal hat vom Verlassen des Apartments in Ushuaia bis zur Ankunft in unserem kleinen Studio in Buenos Aires alles reibungslos geklappt. Dabei sah es zuerst gar nicht danach aus. Tim wollte einen Tag vor uns von Ushuaia nach Zürich fliegen und meldete dann aber kurz nach Ankunft am Flughafen Ushuaia, dass in ganz Argentinien die Flughafenangestellten aufgrund der Forderung nach einem Weihnachtsbonus in den Streik getreten sind. Weil wir erst am Folgetag und dazu nicht mit der lokalen Fluggesellschaft flogen, ging für uns die Geschichte glimpflich aus. Nicht so für Tim, der trotz 20-stündigem Transit-Aufenthalt in Buenos Aires seinen Flug in die Schweiz und auch beinahe seinen zwei Tage späteren Flug nach Norwegen sausen lassen musste.

 

In Buenos Aires konnten wir viel Zeit mit Camila, der Freundin eines Kommilitonen von Michi, verbringen. Sie zeigte uns die Touristen-Attraktionen der Hauptstadt Argentiniens und aber auch weniger bekannte Orte. So führte sie uns in ein unscheinbares Steakhouse, wo wir das wohl beste Rindfleisch unseres Lebens assen, in ihre Lieblingsgelateria – auch Argentinen rühmt sich für feine Glacé – und in eine Brauerei, wo wir wieder einmal einen richtig langen Ausgang genossen. Dank Cami mussten wir ausserdem Weihnachten nicht in einsamer Zweisamkeit verbringen. Spontan hat sie uns gefragt, ob wir mit ihrer Familie Weihnachten in deren Ferienhaus etwas ausserhalb der Stadt feiern wollten. Und ob wir wollten! So verbrachten wir den Nachmittag des Heiligabends bei 30°C mit Baden im Pool. Für das Nachtessen reisten weitere Familienmitglieder an, sodass wir zu zehnt das saftige Grillfleisch mit leckeren Salaten und viel argentinischem Wein genossen. Anders als in der Schweiz bringt in Argentinien der „Papá Noel” um Mitternacht die Geschenke. Dessen Ankunft wird um 00:00 Uhr mit Feuerwerk und Champagner gefeiert, bevor die Kinder in die Stube stürmen und die Geschenke unter dem Weihnachtsbaum entdecken. Es war ein tolles Erlebnis, Weihnachten einmal auf eine andere Art zu feiern und wir sind Cami und ihrer Familie sehr dankbar, dass sie uns so herzlich aufgenommen und uns ein so unvergessliches Weihnachtsfest beschert haben.

 

Nun bleibt uns noch ein Tag in Buenos Aires, bevor es dann über den Atlantik nach Johannesburg weitergeht. Wir sind gespannt, was uns auf der allerletzten Etappe der Reise erwarten wird und drücken fest die Daumen, dass es für uns so reibungslos weitergeht.

 

Weihnachtsfeier mit Camis Familie in deren Ferienhaus
Weihnachtsfeier mit Camis Familie in deren Ferienhaus
Download
Druckversion Reisebericht 14. Etappe
16_PuntaArenas-BuenosAires.pdf
Adobe Acrobat Dokument 851.8 KB