Bolivien I

9. Etappe: Puno nach Uyuni

25.07.2016 - 20.08.2016

Von Puno, der peruanischen Stadt am Titicacasee, brauchten wir noch drei Velotage, bis wir schliesslich bei Copacabana die Grenze nach Bolivien überquerten. Bolivien wartete mit einer der bisher schönsten Strecken auf: Ein paar hundert Meter über dem Seelevel schlängelte sich unsere Strasse zwischen dem Lago Titicaca und der „Laguna Wiñaymarca“ durch. Fast andauernd konnten wir die fruchtbaren Hänge am Seeufer überblicken und sahen auf das schillernde Blau der beiden Gewässer. Im Hintergrund wurde das atemberaubende Bild durch die schneebedeckten Berge der über 6000 m hohen „Cordillera Real“ komplettiert. Die Aussichten sind auf dieser Höhe besonders speziell, da die Sicht stets kristallklar – oder in der modernen Begrifflichkeit „Full HD” – ist.

 

Der Lago Titicaca und dahinter die Andenkette „Cordillera Real“
Der Lago Titicaca und dahinter die Andenkette „Cordillera Real“

Vor La Paz nahm der Genuss leider ein jähes Ende und es folgte eine der bisher schlimmsten Strecken. Statt See und Lagune passierten wir kilometerlange Baustellen, kämpften mit Staub und der chaotische Verkehr in der Vorstadt El Alto konnte sich fast mit dem in Lima messen. Von da aus lotste uns das GPS auf steilen Strässchen 400 Höhenmeter hinunter in Boliviens Hauptstadt, die sich in einem kesselförmigen Tal auf rund 3600 m.ü.M. entwickelt hat.

 

In La Paz weilten wir im „Casa de las Ciclistas”, ein Appartement im Stadtzentrum, das von einem Einheimischen verwaltet, jedoch ausschliesslich von Veloreisenden bewohnt wird. In Südamerika sind solche CdCs in den grösseren Städten durchaus üblich und deren Besuch gehört für Velofahrer in Südamerika zur Reisekultur. Wir verbrachten eine super Zeit mit anderen Tourenfahrern aus aller Welt; mit Tom und Ben aus Australien, der Türkin Hale, dem Chilenen Carlos und Nikolas aus Deutschland.

 

„We are family!” im Casa de las Ciclistas in La Paz
„We are family!” im Casa de las Ciclistas in La Paz

La Paz hat uns auch als Stadt gut gefallen. Sie gehört zwar zu den wilderen und chaotischeren, die wir bislang besucht haben, aber die Stadt trumpft mit gutem Essen und lebhaften Strassen auf. Es ist hier unglaublich spannend, sich in ein Café zu setzen und das quirlige Treiben zu beobachten. Strassenverkäufer, Schuhputzer, Taxi- und Busfahrer gehen ihrer Arbeit nach, rundliche Frauen bewegen sich in der Nationaltracht, als Zebra Verkleidete regeln an Fussgängerstreifen den Verkehr und Strassenkünstler schlucken bei Rotlicht Messer oder speien Feuer. Leider wird man dabei auch immer wieder Zeuge, wie arm Bolivien ist. Selten haben wir so viele Bettler, verstümmelte und verwahrloste Menschen gesehen. In einem Land, wo eine soziale Versorgung eigentlich nicht existent ist, weiss man manchmal wirklich fast nicht, wie man dem ganzen Leid begegnen soll. Man trifft auf alte blinde Männer, die im Anzug und frisch polierten Lackschuhen stundenlang ihr Repertoire, das aus zwei Volksliedern besteht, zum Besten geben oder Kinder im Schulalter, die auch um zehn Uhr nachts noch ihre Lollis zu verkaufen versuchen. Das Schuhputzen haben wir zum überteuerten Touristenpreis ausprobiert – aber wer mag schon bei 50 Rappen pro Schuh noch gross verhandeln?

 

Da wir beide seit längerer Zeit gesundheitlich angeschlagen waren, war es an der Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen und so liessen wir uns in einem Spital untersuchen. Bezüglich der Qualität eines bolivianischen Spitals machten wir uns einige Sorgen, doch schon beim Betreten der uns empfohlenen Klinik konnten wir aufatmen. Alles schien gut organisiert, sauber und hygienisch. Wir führen für alle Fälle eigene Injektionsnadeln mit, in diesem Privatspital waren sie aber überflüssig und die Frau Doktor zeigte uns persönlich die sterilen Nadeln. Nach zwei Stunden Wartezeit in der Cafeteria nebenan lagen bereits die Resultate vor. Michi hatte sich Salmonellen, Miriam einen anderen Typ Bakterien eingehandelt. Dank den Antibiotika, die wir in der nahegelegenen Apotheke beziehen konnten, waren wir binnen Tagen wieder fit. Die Erholungszeit nutzten wir zu organisatorischen Zwecken in den Cafés von La Paz. Die berühmt-berüchtigte Lagunenroute, die wir nun nach Uyuni antreten, musste beispielsweise detailliert geplant werden. Wegen den holprigen Staubstrassen und den spärlichen Versorgungsmöglichkeiten wird dieser Abschnitt einer der abenteuerlichsten der Reise werden. Da die Landschaft aber sehr spektakulär sein soll, lohnen sich die Mühen auf jeden Fall. Die Route ohne solide Vorbereitung anzutreten, wäre fahrlässig. Nach einigen Stunden Recherche fanden wir heraus, wo es Wasser, Läden und Unterkünfte zu finden gibt und sind nun gut vorbereitet.

 

Von La Paz aus mussten wir erst wieder nach El Alto hochklettern, bevor es dann via Oruro nach Uyuni ging. Diese touristische Kleinstadt ist das Basislager der gleichnamigen Salzwüste, die wir vor der Lagunenroute noch besuchen werden. Die Landschaft war vor allem auf dem ersten Teil der Strecke nicht unbedingt spektakulär. Danach jedoch hat sie sich zu einer sehr sehenswerten Wüstenlandschaft mit verschiedenfarbigen Felsen und wechselnder, wenn auch stets spärlicher Vegetation entwickelt. Wir trafen wieder auf Lamas, Alpacas und Vicuñas – wir hatten die lustigen Vierbeiner fast schon ein bisschen vermisst. Da wir uns noch immer im Altiplano und somit zwischen 3600 und 4000 m.ü.M. bewegten, hatten wir weiterhin sehr, sehr kalte Nächte und nun auch noch starken Wind. Obwohl wir für Miriam in La Paz einen zusätzlichen Fleece-Schlafsack kauften, kam es immer wieder vor, dass sie in der Nacht frierend aufwachte. Einmal massen wir am Morgen minus 8.5°C im Zelt. Zum Frühstück, das wir natürlich nach wie vor im Schlafsack einnehmen, gab es an diesem Morgen „Frozen Yogurt” und dazu gefrorene Bananen. Obwohl Miriam eine grosse Liebhaberin von ersterem ist – bei diesen Temperaturen könnte man gut darauf verzichten. An solchen Tagen kostet es auch immer grosse Überwindung, aus dem warmen Schlafsack zu kriechen und sich mit zunehmend tauberen Fingern umzuziehen.

 

Einer der kalten Zeltplätze auf dem Altiplano
Einer der kalten Zeltplätze auf dem Altiplano

Auch unser Kocher hat uns wegen der Kälte wieder mal Probleme bereitet. Eines Abends kämpften wir geschlagene zwei Stunden, bis er endlich brannte. Michi hat ihn in dieser Zeit mehrmals komplett auseinander- und wieder zusammengebaut. Bei Wind (nicht sehr praktisch in einer Staubwüste), eisiger Kälte (typisch in einer Staubwüste) und schlussendlich auch Regen (ungewöhnlich in einer Staubwüste) hat uns dieses Unterfangen einiges an Nerven gekostet. Schuld dafür waren sogenannte Paraffine, die den Kocher komplett verstopft hatten. Diese bildeten sich, weil wir der Höhe wegen von Benzin auf Petrol umgestellt hatten. Ist Petrol starken Minustemperaturen ausgesetzt, kommt es genau zu diesen Verstopfungen. Daraufhin entschlossen wir uns, als Backup einen Gaskocher anzuschaffen. Auf der einsamen Lagunenroute wollen wir lieber kein Risiko eingehen. Dieser war allerdings nicht einfach zu beschaffen. Denn in einem Land wie Bolivien variieren die Laden-Öffnungszeiten ganz wie es dem Inhaber gerade beliebt, und dies galt auch für den einzigen Campingladen in Oruro. Dreimal standen wir also vor verschlossener Tür, obwohl die gross angeschlagenen Öffnungszeiten das Gegenteil aussagten. Am nächsten Tag hatten wir dann aber doch Glück. Auch wenn sich Gas bei hoher Kälte ebenfalls nicht unbedingt bestens eignet, in der Mittagssonne werden wir sicher kochen können und haben nun ausserdem immer zwei Optionen.

 

Phänomenal in den eisigen klaren Nächten ist aber der Sternenhimmel und scheint der Mond, so sind unsere Stirnlampen fast überflüssig. Zudem schwitzt man tagsüber kaum, sodass es einem fast gar nicht stört, dass man abends nicht duschen kann. Da das Streckenprofil vorwiegend flach war und die Tage hier im Gegensatz zur Schweiz langsam länger werden, konnten wir endlich wieder mal mehr als 100 km pro Tag zurücklegen und die Durchschnittsgeschwindigkeit etwas nach oben korrigieren.

 

In Uyuni angekommen, stiessen wir beim Kaffee auf einen alten Bekannten: Den Schweizer Weltumradler, Pascal Bärtschi, mit dem wir die Nacht bei den Bomberos kurz nach Quito in Ecuador verbrachten. Bei einem gemeinsamen Nachtessen erzählten wir uns von den neusten Abenteuern.

 

Abendessen mit Pascal und seiner peruanischen Freundin in Uyuni
Abendessen mit Pascal und seiner peruanischen Freundin in Uyuni

Von Uyuni aus reisten wir mit dem Zug nach Tupiza. Der Zug fährt hier nur einmal täglich, und dies ausgerechnet um zehn Uhr abends. Das ist nicht sehr praktisch, denn da die Fahrt nach Tupiza fünf Stunden dauert, kommt man mit Verspätung um halb vier Uhr morgens an. Nicht gerade der ideale Zeitpunkt um sich ein Hotel zu suchen. Da der Billettverkäufer uns versicherte, dass Mitarbeiter der verschiedenen Hotels am Bahnhof auf die Touristen warten würden, kümmerten wir uns nicht im Voraus um eine Unterkunft. Leider lag der Verkäufer dann doch falsch – ganz leer war der Bahnhof, als der Zug in Tupiza einrollte. Und dies blieb auch so. Also hatten wir keine andere Möglichkeit, als bei einem nächtlichen Spaziergang nach einem Hotel zu suchen. Als der Morgen schon fast graute, öffnete uns beim dritten Versuch eine verschlafene Frau die Tür. Unser Nachtlager war gefunden!

 

Nach einer sehr kurzen Nacht betraten wir um acht Uhr das im Reiseführer vorgeschlagene Reisebüro. Für die spektakuläre Landschaft rund um Tupiza wollten wir uns zwei Tage Zeit nehmen und diese zur Abwechslung vom Pferderücken aus bestaunen. Die Organisation der Tour lief sehr unkompliziert ab und wir wurden nicht enttäuscht – die Landschaft war wundervoll. Eindrückliche Steinformationen aus tiefrotem Sandstein, Kakteen, kleinen Flüsschen und Felsen in allen Farben säumten unseren Weg und erinnerten uns immer wieder an den Wilden Westen. So fühlten wir uns während des Ritts fast ein wenig wie Winnetou, einfach mit coolen Sonnenbrillen, danach wie Lucky Luke, mit etwas schmerzenden O-Beinen.

 

Hoch zu Ross in der Umgebung Tupizas
Hoch zu Ross in der Umgebung Tupizas

Die Ausrüstung und die Pferde machten einen guten Eindruck, dies hatten wir uns im Reisebüro garantieren lassen. Letztere waren zwar nicht besonders gut erzogen, aber das hatten wir auch nicht unbedingt anders erwartet. Etwas enttäuscht hat uns allerdings der Führer. Während der gesamten Tour nahm dieser verbotenerweise seine Freundin mit ihrem kleinen Hund als Zusatzpassagiere auf seinem Pferd mit. Dafür jedoch haben wir viel über das Leben der Jugendlichen in Bolivien erfahren. Fast alle, erklärten die beiden uns, besuchen die Uni. Diese dauert jedoch nur bis zum Mittag. Am Nachmittag werden dann den Eltern bei der Hausarbeit unterstützt. So wie viele Häuser hier jedoch aussehen und so oft wie wir die Jugendlichen sonst wo sehen, sind wir uns nicht ganz sicher, wie viel Zeit da tatsächlich geholfen wird…

 

Bei der Rückfahrt stiessen wir auf eine weitere Absurdität: Wir wollten unsere Tickets in eine höhere Klasse umbuchen lassen, für einen kleinen Aufpreis von drei Franken wäre dies möglich. Wäre. Denn obwohl der Zug zurück nach Uyuni nur einmal pro Tag (natürlich ebenfalls nachts) fährt, war die „Boleteria”, der Schalter, genau zu dieser Zeit geschlossen. Unser Nachfragen wurde ziemlich unfreundlich und in einem genuschelten, uns kaum verständlichen Spanisch abgetan. Dies war nicht das erste Mal, dass wir uns hier in Bolivien an touristischen Orten nicht wirklich willkommen fühlten. In Uyuni wechselten wir nach dem Bestellen mehrmals das Restaurant, weil die Bedienung so unfreundlich oder abweisend war. Das Aufladen des Laptops, das Anstellen des Heizstrahlers oder das leichte Abändern eines Gerichts scheinen hier grosse Probleme darzustellen. Durch dieses unserer Meinung nach noch sehr spärliche Verständnis von Tourismus erinnert uns Bolivien etwas an Laos. Die Landschaft ist in beiden Ländern zwar wunderschön und begeistert, der Service lässt aber teilweise mehr als nur zu wünschen übrig. Da beide Länder sehr arm sind, ist die Kulinarik auch jeweils sehr einfach und die Hygieneverhältnisse sind teilweise echt prekär. Hier in Bolivien essen wir nun kaum mehr in ländlichen Restaurants und kochen selbst, obwohl wir im bisherigen Südamerika eigentlich nie Probleme damit hatten. Ähnlich erging es uns in Laos. Wir glauben aber fest daran, dass sich die Situation auch in diesen Ländern mit dem Lauf der Jahre noch positiv verändern wird. Mit den Leuten auf dem Land machten wir sonst nämlich sehr positive Erfahrungen – die Basis wäre also sicher da.

 

Miriam erhält Wasser in einem kleinen Dorf vor Uyuni
Miriam erhält Wasser in einem kleinen Dorf vor Uyuni
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