Bolivien II

10. Etappe: Uyuni bis Antofagasta

21.08.2016 - 19.09.2016

Die Lagunenroute hat uns mit ihren Rekorden gefordert wie keine Strecke zuvor: Noch nie hatten wir so starken Wind, so tiefe Temperaturen, so wenige Versorgungsmöglichkeiten und dazu einen so schlechten Strassenzustand.

 

Begonnen hat allerdings alles ganz harmlos. In Uyuni sind wir, beladen mit einer gefühlten Tonne an Essen und Wasser, in die berühmte Salzwüste „Salar de Uyuni” aufgebrochen. Die dortige Landschaft hat man nach einer Viertelstunde eigentlich schon gesehen. Alles ist einfach weiss, und durchquert man sie mit dem Fahrrad, hat man fast das Gefühl, auf einem Hometrainer zu sitzen. Einmalig war hingegen das Zelten in der Salzwüste. Die Sonnenauf- und -untergänge waren äusserst beeindruckend. Die Salzkruste wirkt fast magisch im orangefarbenen Sonnenlicht und man wirft einen Schatten von geschätzten 200 Metern Länge. Am Eindrücklichsten waren jedoch die Sterne. Haben sich die Augen erst einmal an die Dunkelheit gewöhnt, sah man am Himmel fast keine dunklen Flächen mehr. Alles war mit Sternen übersäht, mittendrin klar sichtbar die beiden Stränge der „Milchstrasse”. Nach dem Abendessen lagen wir noch eine Zeit lang einfach auf dem Rücken, genossen den Anblick und zählten die Sternschnuppen. 

 

Sonnenuntergang im Salar de Uyuni
Sonnenuntergang im Salar de Uyuni

Nachdem wir das weite Weiss hinter uns gelassen hatten, ging es los mit der Lagunenroute und damit mit der grossen Anstrengung. Schon wenige Kilometer vom Salar entfernt mussten wir die Velos wegen tiefem Sand zum ersten Mal schieben. Als wir es an diesem Tag in der Abenddämmerung endlich zu einer Unterkunft geschafft hatten, dachten wir nicht, dass die kommenden Tage mindestens ebenso anstrengend werden würden. Öfters mussten wir wegen den schlechten Strassen stundenlang schieben. Manchmal war es zudem so steil, dass wir die Velos gar nacheinander zu zweit in einem Kraftakt den Berg hinaufstossen mussten. Wir kämpften täglich mit Wind, der sich am Nachmittag gern zu einem Sandsturm entwickelte. An zwei Tagen waren die Böen so stark, dass diese locker mit dem verheerenden Schweizer Sturm „Lothar” mithalten konnten. So starker Wind kann praktisch sein, wenn er von hintern weht. Einmal wurden wir regelrecht auf einen Pass hinaufgeblasen. Dreht die Richtung der Strasse allerdings, wird Fahren unmöglich und beim Schieben fühlen sich die Velos gleich noch viel schwerer an, als sie eh schon sind. Während den Tagen sorgte der Wind ausserdem für kühle Temperaturen und das Thermometer kletterte trotz Sonnenschein nie über 10°C. Besonders extrem waren die Temperaturen aber in der Nacht. In der kältesten massen wir morgens im Zelt fast -20°C. In dieser Nacht haben wir die Notfall-Reisedecke hervorgekramt und über unsere beiden Schlafsäcke gelegt um wieder schlafen zu können.

 

Für die Strapazen entschädigt hat uns jedoch die spektakuläre Natur dieser Gegend: Rauchende Vulkane, trockene Lavaströme, glitzernde Bergseen, eine trotz der Höhe reichhaltige Tierwelt und sich immer verändernde Farben an den Felsformationen. Das Ganze wurde durch die hohen, zum Teil schneebedeckten Gipfel der Anden komplettiert. Es ist schon sehr speziell, wenn man sich mit dem Fahrrad über eine längere Zeit in solchen Landschaften bewegen kann. Besonders wundervoll war dabei die Laguna Colorada. Dieser Bergsee (in Südamerika „Laguna” genannt) ist dank seiner Mineralien zweifarbig; das Rostrot der Mitte geht gegen aussen hin in ein dunkles Blau über. Anden-Flamingos, die zahlreich bei diesem See nisten, zieren das Bild ebenso wie die gelb-grüne Mooslandschaft am Ufer und die Eisschollen im See. Wir waren uns schon beim ersten Erblicken einig, dass dies der schönste See ist, den wir je gesehen haben. 

 

Die wunderschöne Laguna Colorada
Die wunderschöne Laguna Colorada

Nach der Laguna Colorada haben wir die offizielle Lagunenroute kurz verlassen, da wir einen 6000er-Vulkan besteigen wollten. Über einen anstrengenden Pass gelangten wir in das kleine Dörfchen Quetena Chico und von da aus auf den 6008 m hohen Uturuncu. Wir schafften die Vulkanbesteigung zwar in einem Tag, es verlangte uns aber einiges ab. So waren wir im Gesamten von 6 Uhr morgens bis 11 Uhr abends unterwegs, mussten zweimal barfuss durch einen gefrorenen Fluss waten und schoben wegen der Strassenbeschaffenheit wiederum einen Grossteil, was schliesslich der Grund war, weshalb wir so viel Zeit benötigten. Die Höhe machte uns trotz der langen Akklimatisierung ab 5500 m ebenfalls etwas zu schaffen und wir erklammen den letzten Hang des Bergs nicht in unserem gewohnten Tempo. Auf dem Gipfel blieben wir nur gut fünf Minuten, es war eisig kalt und der Wind blies uns fast weg. Dennoch war es ein super Gefühl oben angekommen zu sein und auch die Aussicht war phänomenal. Wir konnten in mehrere Täler mit in der Nachmittagssonne leuchtenden Wüsten, Gesteinsfeldern und Lagunen blicken. Dank der klaren Sicht konnten wir in der Ferne unzählige Berggipfel wie auch das kleine Dörfchen Quetena Chico erkennen.

 

Ab unserem „Basislager“ Quetena Chico waren es noch vier Fahrtage bis zum Ende der Lagunenroute im chilenischen San Pedro de Atacama. Diese waren wieder ebenso fordernd wie die vorherigen Tage. Viel Sand bedeutete viel Schieben, es gab starken Wind und die Nächte waren kalt. Doch kurz nach dem chilenischen Grenzposten erreichten wir einen asphaltierten Passübergang. Bei Weitem haben wir uns noch nie so über Teer gefreut! Die Strasse war ein Traum und ebenso die folgende Abfahrt nach San Pedro, bei der wir über 2000 Höhenmeter hinter uns liessen und in die warme Atacama-Wüste hinunterflitzten. 

 

Nach der chilenischen Grenze endlich wieder Asphalt!
Nach der chilenischen Grenze endlich wieder Asphalt!

San Pedro de Atacama ist zwar nur eine kleine touristische Wüstenstadt, für uns jedoch fühlte es sich an wie im Paradies. Es war angenehm warm, windstill, die Leute waren ausgesprochen freundlich und das Wichtigste: Es gab richtig leckeres Essen. Das haben wir kurz nach Ankunft gleich ausprobiert – wir hatten schon lange nicht mehr so gut gegessen! Salat, Käse, Brot, Pizza, Fisch, Wein, Dessert und Früchte können nach einer so langen Zeit im einsamen Hochgebirge echt himmlisch schmecken. Wir haben richtig zugeschlagen, es uns gut gehen lassen und uns erholt.

 

An den Folgetagen haben wir ausserdem drei Touren in die Atacama-Wüste unternommen. Wir haben die Mondlandschaft „Valle de la Luna” besichtigt, am frühen Morgen den Tatio-Geysiren einen Besuch abgestattet und uns in einem Observatorium das Universum erklären lassen. Dort konnten wir auch den Mond und mehrere Planeten durch Teleskope bewundern. 

 

Das „Amphitheater” im Tal des Mondes
Das „Amphitheater” im Tal des Mondes

Unsere Tour durch die peruanischen und bolivianischen Anden haben wir in Lima am Meer begonnen und wollten sie in Nord-Chile wieder am Meer abschliessen. Also war der Plan, von San Pedro de Atacama nach Antofagasta an die Pazifikküste herunterzufahren. Was für uns eigentlich nach einer lockeren Abfahrt in drei Tagen geklungen hatte, wurde wegen starkem Gegenwind zu vier anstrengenden Velotagen. Bergab kämpften wir mit den Böen und erreichten kaum Geschwindigkeiten über 15 km/h. Als wir am vierten Tag aber pünktlich zum Nationalfeiertag das Meer erreichten, waren wir überglücklich. Seit Lima hatten wir nun jeden einzelnen Meter mit dem Velo zurückgelegt. In Antofagasta spannen wir nun zwei Tage aus und kürzen dann bis in die Hauptstadt Santiago mit dem Bus ab. Von dort aus werden wir daraufhin an das südliche Ende des Kontinents radeln.

 

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