Chile I

11. Etappe: Antofagasta bis Puerto Varas

20.09.2016 - 15.10.2016

Die beiden Männer bei der Gepäckverstauung des Buses keuchen und schwitzen. Innerhalb kürzester Zeit müssen sie das Gepäck sämtlicher Passagiere im Bauch des doppelstöckigen Buses verstauen. Da kommen ihnen zwei Veloreisende mit einer geschätzten Tonne Gepäck und zwei Velos, die sie nicht einfach auf den allgemeinen Gepäckhaufen schmeissen können, nicht so gelegen. Bis alles Gepäck verstaut ist, die Passagiere ihre Plätze gefunden haben und der Bus losfahren kann, herrscht eine helle Aufregung. Dazwischen hört man uns zwei immer wieder rufen: „Cuidado por favor! – Vorsicht, bitte!“

 

Obwohl wir zum Busfahren die Velos nicht komplett auseinanderbauen und in Kartons verpacken müssen wie beim Fliegen, ist eine Busfahrt immer mit Stress verbunden. Stets bangen wir, dass uns nichts abhandenkommt und die Fahrräder die Reise heil überstehen. So waren wir überaus erleichtert, als wir nach 20 Stunden Busfahrt mit all unseren Taschen und zwei ganzen Velos in Santiago auf dem Busbahnhof standen. Vor dem Weiterfahren mussten wir dann aber leider feststellen, dass sich die Felge an Michis Hinterrad leicht verzogen hat. Zum Glück liess sich dieser Achter ohne grossen Aufwand beheben.

 

In der Hauptstadt Chiles sind wir bei Leo, den wir über das Online-Portal für Veloreisende „Warm Showers” kennengelernt hatten, untergekommen. Gleich nach Ankunft zeigte er uns bei einem Spaziergang die lohnenswertesten Sehenswürdigkeiten und die verschiedenen Viertel. Santiago widerspiegelt die fortschrittliche Entwicklung Chiles in allen Belangen und ist demnach eine moderne, gut ausgebaute Metropole, die sowohl über eine U-Bahn als auch über ein Linienbussystem verfügt. Will man dem hektischen Stadtleben entfliehen, ist man in zwei Stunden in Valparaíso am Meer. Diesen Ausflug haben wir am darauffolgenden Tag angetreten und so während zwei Tagen die verschiedenen Hügel mit den bunt bemalten Häuser erkundet.

 

Bemalte Wände und Treppen finden sich in „Valpa“ überall
Bemalte Wände und Treppen finden sich in „Valpa“ überall

Zurück in Santiago haben wir leider die erste schlechte Erfahrung mit der Kriminalität in Grossstädten gemacht. Auf dem Weg ins Zentrum wurden wir auf offener Strasse mit einer stinkenden Flüssigkeit beworfen, mit der Absicht, uns zu bestehlen. Es war ein ziemlich cleverer und damit ziemlich fieser Trick. Als wir bemerkten, dass wir von irgendwas Stinkendem getroffen wurden, war sofort eine Frau zur Stelle, die uns mit Taschentüchern und Wasserflasche beim Reinigen des „Vogelkots“ vermeintlich helfen wollte. Da Miriams Haare, die Kleider und Rucksäcke schmutzig waren, stellten wir letztere ab um sie zu reinigen. Durch den Schrecken, den Gestank und das Putzen waren wir natürlich vollkommen abgelenkt. Plötzlich kam aber Michi zur Besinnung und durchschaute das Spiel. Keinen Augenblick zu früh, einer der beiden Rucksäcke hatte sich nämlich wie von selbst um die Hausecke herum verschoben... Geistesgegenwärtig griffen wir die beiden Rucksäcke und machten uns aus dem Staub. Als wir etwas entfernt die Rucksäcke sowie unsere Hosen- und Jackentaschen durchsuchten, war zum Glück noch alles da. Puh. Die Flüssigkeit war bald wieder weggeputzt. Was allerdings blieb, war der Schreck darüber, dass wir um ein Haar bestohlen wurden sowie ein fahles Gefühl, dass es tatsächlich Leute gibt, die Touristen mit übelriechenden Flüssigkeiten bewerfen um sie ausrauben zu können.

 

Die Pechsträhne in Santiago hielt leider noch ein wenig an. Beim Herausfahren aus der Stadt gab es zwischen uns einen kleinen Auffahrunfall, bei dem die Halterung einer Seitentasche brach. Weil man nach Ersatzteilen selbst in Chiles modernen Outdoor-Läden vergebens sucht, mussten wir ein komplettes Taschenset kaufen, um diesen kleinen Befestigungshaken ersetzen zu können. Als wir am nächsten Tag Santiago dann endlich verlassen hatten, kriegten wir noch eine SMS von Leo. Denn wir hatten über zwei Monate im Voraus ein Paket aus der Schweiz zu seiner Adresse senden lassen, genau einen Tag nach Abfahrt traf es ein. Doch abgesehen davon hatten wir eine super Woche in Santiago, konnten viele Dinge organisatorischer Art sowie Reparaturen erledigen und haben mit Leo definitiv einen neuen Freund gewonnen.

 

Sonntags mit Leo auf dem Hausberg Santiagos
Sonntags mit Leo auf dem Hausberg Santiagos

Die Landschaft hat sich seit Nordchile völlig verändert. Statt an Sand und noch mehr Sand fahren wir nun vorbei an saftigen Wiesen, blühenden Büschen und Wäldern in allen Grüntönen. Da in Chile Frühling ist, zeigt sich die Pflanzenwelt auch gerade von der besten Seite. Alles blüht und spriesst. Dies kann auf den zahlreichen Obst-, Wein- und Beeren-Plantagen besonders gut beobachtet werden. Kurz nach Santiago beginnt die Region der Flüsse und Seen. So überquerten wir unzählige Flüsse und Bäche und hatten mehrere Male die Möglichkeit, einem Seeufer entlangzufahren. Hinter den Seen türmen sich mächtige Vulkane auf, deren Krater eine weisse Schneehaube tragen. Leider ist diese Gegend sehr regenreich, weshalb wir die beeindruckende Szenerie in ihrer vollen Pracht meist nur kurz zu Gesicht bekamen.

 

Dichter Urwald umgibt den See. Da wo die Wolken sind, sähe man die Vulkane…
Dichter Urwald umgibt den See. Da wo die Wolken sind, sähe man die Vulkane…

Das Fahrradreisen in dieser Region Chiles gestaltet sich wieder ganz anders als in den vorherigen Andenländern: Einkaufsmöglichkeiten sind fast im Überfluss vorhanden, unser Wasserfilter kann wegen der guten Qualität des Hahnenwassers Ferien machen, fast jede Tankstelle ist mit einer sauberen Warmwasser-Dusche ausgestattet und die Strassenbeschaffenheit ist erstklassig. Wegen der Supermärkte, die den Schweizer in nichts nachstehen, können wir nun immer äusserst reichhaltig kochen. Wir geniessen es sehr, abends im Zelt ein leckeres Essen zuzubereiten. Weil wir dazu jeweils eine ganze Menge an Zutaten einkaufen, kommt noch mehr Gewicht auf unsere ohnehin schwerbepackten Velos. Das Höhenprofil ist allerdings nicht mehr ganz so fordernd, deshalb ist das schon verkraftbar. Falls wir mal gerade nicht kochen mögen, findet man an jeder Ecke Empanadas (gefüllte Teigtaschen). Auch Kuchen (heisst auch wirklich so) und dunkles Brot haben wir immer wieder angetroffen – die Seenregion in Chile ist eines der Hauptsiedlungsgebiete Deutscher und Schweizer Auswanderer. Was uns bei alldem jedoch etwas fehlt, ist eine anständige Kaffeekultur. Glücklicherweise produziert Nescafé ziemlich guten Instantkaffee.

 

Gemütliches Kochen am Abend, direkt aus dem Zelt
Gemütliches Kochen am Abend, direkt aus dem Zelt

Das Zelten ist im Vergleich zur bisherigen Reise einiges schwieriger geworden. Alles ist mit Stacheldraht abgesperrt und oft suchen wir beinahe eine Stunde, bis wir einen geeigneten Platz gefunden haben. Dafür haben wir nach Santiago auch in anderen Städten super Erfahrungen mit „Warm Showers“ gemacht. Bei Gesprächen mit unseren Gastgebern haben wir viel über das Leben in Chile erfahren und uns über Unterschiede zwischen unseren Ländern austauschen können. Ausserdem kriegten wir so Einsicht in einige Haushalte und lernten verschiedene Lebensstile etwas kennen. Wir schätzen es sehr, dass die Leute dieser Internetplattform uns spontan bei sich aufnehmen und wir so leicht mit Gleichgesinnten anderer Kulturen in Kontakt kommen können.

 

Leider sind in letzter Zeit einige Probleme an unserem Equipment aufgetreten. Da hat die Kälte in Bolivien sicherlich ihren Teil dazu beigetragen. Das Zelt musste an einigen Stellen geflickt und eine Schlafmatte und ein Kissen sogar ersetzt werden. Nun sind wir aber wieder gut ausgerüstet und somit bereit für das Abenteuer in Patagonien. Aktuell sind wir gerade bei einem „Warm Showers“-Pärchen in der Nähe von Puerto Montt, dem Tor zu Patagonien, untergekommen. Als nächstes werden wir uns nun die Insel „Chiloé“ vornehmen, bevor wir uns dann an die berühmte Carretera Austral wagen, eine für ihre spektakuläre und naturbelassene Landschaft bekannte Strecke durch Patagonien.

 

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