China

Exkursion: Shanghai und Suzhou

25.03.2016 - 03.04.2016

Die Volksrepublik China nimmt, wie wir von den Medien regelmässig erfahren, zunehmend eine bedeutendere Position in der globalisierten Welt ein. Es ist mit knapp 1,4 Milliarden Einwohner das bevölkerungsreichste Land, in welchem die Leute nicht nur eine andere Sprache sprechen, sondern auch ganz anders denken als wir „Westler“. Die Studienexkursion des FHNW-Studiengangs „Mechatronik Trinational“ nach China bot uns die einmalige Gelegenheit, diese uns völlig unvertraute Kultur während neun Tagen aus verschiedensten Perspektiven kennenzulernen. Es waren unglaublich spannende Tage und die Exkursion bildete einen tollen Kontrast zu unserem gewohnten Reisestil als Individualtouristen mit Velo und Zelt.

 

Die Exkursion startete in Shanghai mit einem offiziellen Treffen in der Lobby unseres ziemlich eleganten und zentral gelegenen Hotels. Unsere Reiseverbindung war ziemlich knapp, aber es reichte gerade noch unsere Trekkingkleider abzulegen und frische Kleider anzuziehen, welche ein Kommilitone von Michi aus der Schweiz für uns mitgebracht hatte. Im Anschluss an eine kurze Ansprache des leitenden Professors begaben wir uns gemeinsam zum Welcome-Dinner in ein schickes Restaurant. Unsere erste Bekanntschaft mit der chinesischen Küche machten wir dort an einem grossen runden Tisch, in dessen Mitte sich ein sogenannter „Hot-Pot“ befand. Man kann sich das ein wenig wie unser „Fondue Chinoise“ vorstellen. Jedoch wird in dem grossen Topf gleichzeitig verschiedenes Fleisch, Meeresfrüchte, Fisch, Nudeln und Gemüse gekocht. Die Stückchen können dann nach Lust und Laune mit Stäbchen herausgefischt werden. Natürlich fischt man dabei mit Vorliebe das Essen der andern heraus…

 

Die berühmte Skyline von Shanghais neuem Geschäftsviertel
Die berühmte Skyline von Shanghais neuem Geschäftsviertel

Am zweiten Tag hatten wir die Gelegenheit uns individuell in der 24-Millionen-Metropole umzusehen. Wie stets bei Stadtbesichtigungen haben wir beide dabei viele Kilometer zu Fuss zurückgelegt, um so unterschiedliche Stadtteile sowie die sehenswertesten Attraktionen zu besichtigen. Wir waren am „Bund“, welcher die zentrale Flusspromenade darstellt und von welchem sich ein schöner Blick über die berühmte Skyline des modernen Geschäftsviertels bietet. Ebenso besuchten wir die alte Stadt mit den restaurierten chinesischen Bauwerken, das quirlige Künstlerviertel „Tanzifiang“ und beendeten den Tag mit einer Flussfahrt, während der wir das beleuchtete Shanghai geniessen konnten.

 

Am nächsten Tag wurde es dann ernst und wir fanden uns in der renommierten „Tongji“ Universität ein. Ein deutsch-chinesischer Professor hielt dort eine aufschlussreiche Vorlesung extra für unsere etwa zwanzigköpfige Gruppe. Darin brachte er uns den wirtschaftlichen und kulturellen Wandel Chinas in der jüngeren Vergangenheit näher.

 

Einige besonders spannende Punkte:

 

« Zu Beginn des 19. Jahrhunderts begann der wirtschaftliche und kulturelle Erfolg der Kaiserzeit respektive der „Qing“-Dynastie drastisch zu schwinden. 1970 erreichte die in der Zwischenzeit entstandene Volksrepublik China den Tiefpunkt. Seither jedoch und insbesondere seit der Öffnung zum Weltmarkt in 1978 holte China sowohl technologisch als auch wirtschaftlich rasch und stetig auf. Betrachtet man das Marktvolumen, so wird das „Reich der Mitte“ trotz abfallenden Wachstums in naher Zukunft zur stärksten Wirtschaftsmacht werden.

 

Obwohl China noch immer ein kommunistischer Staat ist, hat die dort gelebte Kultur mit Kommunismus nicht mehr viel zu tun. Es herrscht wohl in keinem anderen Land ein vergleichbarer Kapitalismus vor. Scheinbar dreht sich in China sowohl im Geschäftsleben wie auch im Alltag einfach alles ums Geld.

 

Ein genauerer Blick auf das politische System liess weitere grosse Unterschiede zu westlichen Ländern deutlich werden. Kürzlich hat China den 13. Fünfjahresplan begonnen. Dieser funktioniert so, dass der Präsident der regierenden und einzigen Partei Chinas zu Beginn des Zyklus die sogenannten Fünfjahresziele definiert. Diese versucht er mit seiner Regierung im Verlauf der fünf Jahre so gut als möglich umzusetzen. Zum Ende des fünften Jahres wird die Zielerreichung dann genau analysiert. Die „Kommunistische Volkspartei China“ ist streng hierarchisch organisiert und strebt als totalitäres und erfolgsorientiertes System seit vielen Jahren danach, die fähigsten Führungspersonen an die Regierungsspitze zu bringen. Aus vielerlei Hinsicht ist China demzufolge dazu prädestiniert, sehr zielstrebig zu arbeiten und rasche politische Veränderungen sowie wirtschaftliche Erfolge herbeizuführen. »

 

Besonders erstaunt hat uns bereits in dieser ersten Vorlesung und dann wiederholt während der gesamten Exkursion die Art und Weise, wie die Regierung Veränderungen tatsächlich durchsetzen kann. Ein Beispiel dafür ist die sogenannte „Suburbanisation“. Anstatt den Bauern die fehlende Infrastruktur in die Dörfer zu bringen, ist es für den Staat profitabler direkt neue Städte zu bauen. Die Bauern werden dabei gezwungen ihre Hütten gegen eine der unzähligen Hochhauswohnungen einzutauschen. Ein zweites Beispiel ist die Umsetzung des Verbots von Motorrollern in Shanghai: Innert drei Monaten nach Ankündigung des Gesetzes fuhr kein Motorroller mehr durch die Stadt. Stattdessen mussten sich die Leute einen Elektroroller kaufen oder auf die ÖV umsteigen.

 

Am dritten Tag der Exkursion, wie auch in den folgenden Tagen, ging es mit Firmenbesuchen in Shanghai und dem nahegelegenen Suzhou weiter. Zunächst besuchten wir den deutschen Automobilzulieferer „Continental“, wo uns unter anderem bewusstgemacht wurde, dass die meisten Chinesen bei technologischen Produkten bereits mit „gut genug“ zufrieden seien und nicht wie wir aus dem Westen stets das „so gut wie möglich“ verlangen. Viele westliche Firmen hätten diesen Aspekt für den sehr bedeutenden chinesischen Absatzmarkt anscheinend noch nicht eingesehen. Die Hemmschwelle gegenüber neuen Technologien sei indes viel geringer als in Europa und die Fehlertoleranz bei neuen Produkten zugleich deutlich höher. Ebenso wichtig wie bei uns sei natürlich die Innovation von Geschäftsmodellen, Technologien und Dienstleistungen. China treibe Forschung und Entwicklung zwar voran, jedoch sei der Westen hierbei doch noch deutlich führend.

 

Firmenbesuch bei „Good Baby“
Firmenbesuch bei „Good Baby“

Sehr bleibend war für uns der Besuch bei der chinesischen Firma „Good Baby“. Eine riesige Firma, von der wir zuvor noch nie etwas gehört hatten. Es ist der bedeutendste Hersteller von Produkten für Babys und Kleinkinder; Marktführer in China, den USA und gemäss firmeninternen Erwartungen bald auch in Europa. Während der Führung durch den Ausstellungsraum von „Good Baby“ sind uns die Plakatwerbungen mit westlichen Frauen aufgefallen. Anscheinend sei diese Marketingstrategie für eine Luxusmarke mit guter Qualität in China bis dato unabdingbar gewesen. Aber dies sei nun im Wandel. Da der nationalistische Gedanke spürbar stärker wird, sollen künftig mehrheitlich chinesische Modells abgebildet werden. Auf Miriams Anschlussfrage, ob sich denn nur die Frauen um die Kinder kümmern würden – Männer waren auf den Plakaten nicht zu finden – antwortete die Managerin: „Nein, aber mit Frauen verkaufen sich die Produkte besser. Aber sowieso sind es die Grosseltern, die sich um die Kinder kümmern.“ Sehr viele Eltern aus den Provinzen arbeiten in den Grossstädten im Osten Chinas. Sie verdienen lediglich 3000-4000 RMB (450-600 CHF) im Monat und arbeiten mit Überzeit sechzig Stunden in der Woche oder noch mehr. Sie leben in kleinen Apartments und sehen ihre Kinder lediglich ein- bis zweimal im Jahr. Die Eltern möchten, dass ihre Kinder dies selber dann nicht durchstehen müssen. Sie erhoffen sich, dass diese mit den gesteigerten finanziellen Mitteln eine gute Ausbildung absolvieren und damit ein besseres Leben führen können. Wahrscheinlich hilft den Eltern letztlich auch die starke familieninterne Verbundenheit und der Gedanke, selber einmal Grosseltern zu werden, diese Lebensweise durchzustehen.

 

Bezüglich der Entwicklungsstrategien der chinesischen Regierung haben wir oftmals den bereits begonnenen Wandel zum „Service-Land“ vernommen. Nach der Entwicklung Chinas vom „Agrar-“ zum „Produktionsland“ findet nun anscheinend der Übergang zu einer durch Dienstleistungen geprägten Wirtschaft statt. Bereits heute expandiert wohl keine Firma mehr aufgrund günstiger Produktionskosten nach China, vielmehr ist die Erschliessung dieses riesigen Absatzmarktes der ausschlaggebende Treiber. Die in vielen Gegenden mit den USA vergleichbaren Lohnkosten und das hohe Preisniveau machen diesen Umstand schnell glaubhaft.

 

Natürlich haben wir uns auch mehrfach bezüglich des Stellenwerts des Umweltgedankens in China erkundigt. Erfreulicherweise gewinne dieser scheinbar zunehmend an Wichtigkeit. Aufgrund hoher Luftverschmutzung sei in der Bevölkerung eine hohe Motivation vorhanden und das angesprochene Durchsetzungsvermögen der Regierung liesse eine schnelle Veränderung vermuten. Jedoch sei eine Besserung gemäss verschiedener Äusserungen von Firmenmanagern und Professoren in naher Zukunft wohl nur im dichtbebauten Osten des Landes zu erwarten. In den weiter westlich gelegenen Provinzen würden oft andere Regulierungen gelten. Zudem sei der Einfluss der Landesregierung in Peking in den westlichen Provinzen teilweise recht beschränkt. Damit könne sich dort Korruption noch behaupten, was Firmen das Fortführen der Umweltverschmutzung ermögliche.

 

Letztlich hat sich bei Fragerunden im Anschluss an Präsentationen und Vorlesungen auch die Frage ergeben, was denn China an einem beständigen oder noch rascheren Wachsen hindert. Die Antwort dazu muss wohl im Bildungssystem gesucht werden. Obwohl pro Jahr sieben Millionen Studenten ihre Abschlussdiplome erhalten, sei es für Firmen anscheinend trotzdem oft schwierig, gute Leute zu finden. Aus den Erklärungen spürten wir heraus, dass der Hauptgrund dafür das Fehlen des Übertragungsdenkens von theoretischem Wissen in die Praxis sei. Dies könnte daher wohl als die Achillesferse Chinas bezeichnet werden. China muss demnach noch stark an dieser wesentlichen Fähigkeit arbeiten.

 

Als Reiseland haben wir China kulturell als sehr interessant empfunden. Und auch kulinarisch wartete China mit einer riesigen Varietät, die wir in teilweise einfachen und einige Male auch in gehobeneren Restaurants kennenlernen konnten. Preislich war es in der Umgebung von Shanghai allerdings ziemlich teuer und wir mussten eher tiefer in den Geldbeutel greifen, als wir dies beispielsweise in unserem Nachbarland Deutschland hätten tun müssen. Landschaftlich konnten wir natürlich nicht sehr viele Eindrücke gewinnen und auch das ländliche Leben sucht man an der Ostküste Chinas wohl vergebens. Die Exkursion war sehr gut organisiert und wir waren in einer super Gruppe unterwegs. Es ergaben sich einige sehr spannende Gespräche und wir können auf viele tolle Erlebnisse zurückschauen. Der gemeinsame Ausflug zur chinesischen Fussmassage sowie die legendären Karaokegesänge am letzten Abend vor unserer Weiterreise bleiben uns bestimmt in unvergesslicher Erinnerung.

 

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