Ecuador II

6. Etappe: Quito nach Guayaquil

25.05.2016 – 11.06.2016

Wenn auch der Abschied von Patricia, Jorge und der Familie nach der langen gemeinsamen Zeit etwas schwergefallen ist, freuten wir uns doch sehr auf das Fahrradfahren und waren gespannt, was uns in den Anden alles erwarten würde. Bei strahlendem Sonnenschein schlängelten wir uns durch die Innenstadt Quitos und gelangten dann bald auf die berühmte Panamericana, die uns durch die Anden führen sollte. Kaum hatten wir die ersten Anstiege hinter uns gebracht, verdunkelte sich leider schon der Himmel. Das hier typische Wetterphänomen bestätigte sich auch an unserem ersten Velotag. Haben wir nämlich in der Schweiz die vier Jahreszeiten über ein Jahr verteilt, gibt es dasselbe hier binnen eines einzigen Tages. Am Morgen ist es frühlingshaft, am Mittag herrschen sommerliche Temperaturen mit starker Sonne, etwas später ziehen Wolken auf und das Klima wird herbstlich. Am Abend und vor allem in der Nacht wird es schliesslich winterlich kühl. Die ersten Regentropfen, der ecuadorianische Herbst also, machten sich leider schon vor unseren ersten 30 km bemerkbar. Als wir bei einer Tankstelle Unterschlupf suchten, kam plötzlich ein bepackter Velofahrer mit Schweizerfahne angedüst. Pascal Bärtschi aus dem waadtländischen Payerne reist bereits seit 3.5 Jahren auf zwei Rädern. Sein Ziel ist es die Welt zu umrunden. Dank seinen vielen Erfahrungen konnte er uns einige hilfreiche Tipps für unsere Reise durch Südamerika geben. So zum Beispiel, dass die Feuerwehrstationen in den Dörfern gerne Veloreisende zum Übernachten bei sich aufnehmen. Weil es auch nach einer Stunde Plaudern noch stark regnete, beschlossen wir, Pascal zu den „Bomberos” zu folgen. So haben wir denn unsere erste Nacht nicht im Zelt, sondern auf unseren Matten im Geräteraum der Feuerwehr von Machachi verbracht.

 

Erinnerungsfoto mit Pascal in der Feuerwehrstation von Machachi
Erinnerungsfoto mit Pascal in der Feuerwehrstation von Machachi

Am zweiten Tag stieg die Panamericana ziemlich an und wir legten einen ersten Tag mit zwar wenigen Kilometern, dafür vielen Höhenmetern zurück. Dies stellte sich für die gesamte Tour durch Ecuador als Norm ein: Tiefe Kilometerzahlen, viele Höhenmeter und dementsprechend natürlich auch tiefe Geschwindigkeitsdurchschnitte. Ging es kräftig hoch, konnte es gut sein, dass wir über mehrere Stunden nur mit 5 km/h oder noch weniger vorwärtskamen. Dafür wurden wir immer wieder mit wunderschönen Aussichten auf die spektakulären Felslandschaften, sattgrünen Wiesen und weiten Täler belohnt. Viele Vulkane säumten unseren Weg, die beeindruckendsten waren der Cotopaxi (5897 m.ü.M.) und der Chimborazo (6263 m.ü.M.), der höchste Berg Ecuadors. Doch auch die zahlreichen farbigen Bergblumen, die munteren Lamas und Alpakas, die eilig über die Strasse huschten, oder das landwirtschaftliche Treiben in den kleinen Dörfern waren spannend zu beobachten. Dazu konnten wir uns immer wieder über ein freundliches „Buenos días” oder ein aufmunterndes Zuhupen der überholenden Auto- und Lastwagenfahrer freuen. Und wenn es dann erst ans Herunterfahren ging, kriegten wir das Lachen fast nicht mehr aus dem Gesicht.

 

Typischer Ausblick von der Panamericana aus
Typischer Ausblick von der Panamericana aus

Leider mussten wir es über die gesamte Strecke immer wieder mit aggressiven Hunden aufnehmen. Dass zwischen Hunden und Velofahrern eine Hassliebe besteht, ist allseits bekannt; bellen doch Hunde die Velofahrer oft leidenschaftlich gerne an. Hier ist es leider so, dass diese nicht nur bellen, sondern uns nachjagen und uns anspringen. So müssen wir fürchten, dass sie uns umwerfen oder sogar beissen. Wenn sie so mit gebleckten Zähnen anzurasen kommen, kriegt man schon einen gehörigen Schrecken – seitdem einer in Miriams hintere Aussentasche gebissen und diese gar abgerissen hat, wissen wir auch, dass die Hunde eine reale Gefahr darstellen. Deshalb führen wir jetzt stets Holzstöcke zur Verteidigung mit. Ob ihr es glaubt oder nicht, bis jetzt waren wir jeden Tag froh darum.

Mit dem Zelten handhaben wir es gleich wie schon in Asien. Wir suchen uns ein nettes Plätzchen, das etwas versteckt nicht allzu weit von der Strasse weg liegt. Zudem haben wir hier nun vermehrt Leute gefragt, ob wir auf ihrem Land zelten dürften. So haben wir einmal bei einem Bauernhof und ein anderes Mal direkt vor einer Kirche übernachten können. Als an letzterem Ort eine Stunde später die Dorfgemeinschaft zur Messe kam, haben sich einige wohl etwas über das Zelt neben dem Kircheneingang gewundert, haben sich aber nichts anmerken lassen und uns freundlich gegrüsst.

 

Zeltplatz vor der Dorfkirche in La Moya
Zeltplatz vor der Dorfkirche in La Moya

Im Allgemeinen fühlen wir uns hier in Ecuador sehr sicher und wir haben praktisch nur gute Erfahrungen mit den Einheimischen gemacht. Sie sind meist gut gelaunt, lächeln einem zu und helfen gern beim Finden des Wegs oder geben uns Wasser ab. Manchmal werden wir in den ganz kleinen Dörfchen zwar etwas angestarrt, da Touristen, besonders blonde, wohl nicht allzu oft angetroffen werden. Wenn wir hingegen bei Siedlungen vorbeikommen, die ausschliesslich aus Indigenen bestehen, kann es sein, dass wir ein paar böse Blicke ernten oder unser Grüssen nicht erwidert wird. Durch Nachfragen bei den lokalen Leuten wissen wir nun aber, dass diese Kommunen auch gegenüber Ecuadorianern isoliert und eher unfreundlich sind.

 

Unser erstes Etappenziel war Cuenca, eine sehr kolonialistisch geprägte Kleinstadt mit der zweitgrössten Kathedrale ganz Südamerikas. Dort haben wir ein sehr gemütliches Zimmer in einem kleinen, familiären Hotel gefunden, in dem wir uns sofort sehr wohl fühlten. Als sich herausstellte, dass im Buchladen gegenüber auch Spanischlektionen angeboten werden, haben wir uns entschieden, fünf Tage im hübschen Cuenca zu bleiben, um unsere Sprachkenntnisse zu verbessern. Selbständig und mit einer Privatlehrerin haben wir also täglich an unserem Spanisch gearbeitet. Da während unseres Aufenthaltes gerade das Corpus-Christi-Fest stattfand, das scheinbar ein etwas verlängertes Fronleichnamsfest ist, hatten wir die Gelegenheit, an der Prozession um den Hauptplatz herum teilzunehmen. Ebenso kamen wir in den Genuss der unzähligen Süssigkeiten, die auf dem Corpus-Christi-Markt verkauft wurden. Angeboten haben die etwa 50 Marktstände aber, wie so oft hier, alle etwa dasselbe. Süsse und noch süssere Versuchungen, die wohl alle einen Zuckeranteil von über 90 Prozent hatten, aber natürlich sehr lecker schmeckten.

 

Corpus-Christi-Markt
Corpus-Christi-Markt

Unsere Tour durch Ecuador wollten wir in Guayaquil beenden. Diese Stadt ist die grösste Ecuadors und liegt nahe der Pazifikküste. Von dort aus gibt es nämlich direkte Bus-Verbindungen nach Nordperu. Aufgrund vielseitiger Warnungen von Einheimischen über die Kriminalität im Grenzgebiet Ecuador-Peru ziehen wir es vor, diesen Abschnitt nicht per Velo, sondern per Bus zurückzulegen. Da wir die nördliche Hälfte Perus bis Lima sowieso mit dem Bus abzukürzen planten, fügte sich diese Option gut in unser Vorhaben ein.

 

Auf der Strecke Cuenca-Guayaquil gab es allerdings noch eine Herausforderung zu meistern: Den Pass „Tres Cruces”, der mit seinen 4167 m.ü.M. für uns der bisher höchste Pass war und dadurch eine gehörige Herausforderung darstellte. Mit frischer Energie brachen wir frühmorgens in Cuenca auf. Während die ersten paar Kilometern durch die Stadt noch ziemlich flach waren, strampelten wir danach für den restlichen Tag nur noch bergauf. Glücklicherweise waren wir dank der ersten Etappe bis Cuenca und auch durch die relativ lange Akklimatisation in Quito schon höhentrainiert, sodass wohl die Steigung, nicht aber die Höhe uns ausser Atem brachte. Da der Weg zur Passhöhe durch den Cajas-Nationalpark führte, wurden uns bei diesem Anstieg besonders schöne Landschaften beschert. Ja, Mehrzahl, denn obwohl wir wieder nur im Schneckentempo vorwärtskamen, veränderte sich die Landschaft doch alle 250 Höhenmeter merklich. Zur Krönung fanden wir am Abend sogar einen Zeltplatz direkt bei einem kleinen Bergsee. Auf 3900 m.ü.M. war es zwar der höchste, jedoch auch der bisher kälteste Zeltplatz. Gut haben wir viele Kleider und warme Schlafsäcke. Am nächsten Morgen beim Aufwachen hörten wir leider das uns schon sehr vertraute Geräusch der Regentropfen auf dem Zelt... Dieses ist zwar ganz lauschig zum Einschlafen, am Morgen verzichten wir jedoch sehr gerne darauf. Bei diesem Wetter wollten wir noch nicht los, verharrten noch ein wenig im Trockenen und widmeten uns stattdessen dem Aussortieren der Fotos. Gegen halb 11 Uhr war uns Petrus glücklicherweise wieder besser gesinnt und so hatten wir die Passhöhe kurz vor Mittag erklommen. Obwohl wir uns während des gesamten Hochfahrens phantasievoll ausgemalt hatten, was wir als Belohnung alles essen könnten, waren wir zuoberst vor allem mit einem beschäftigt: Kleider anziehen. Denn es wehte ein kalter Wind und bei der Abfahrt sollte es wegen des Fahrtwinds auch nicht wärmer werden. So suchten wir also Schal, Stirnband, Handschuhe, Fleece und unsere Regenausrüstung hervor. Es stand bis Guayaquil nämlich eine Abfahrt von über 4000 m an – die Küstenstadt liegt knapp über dem Meereslevel.

 

Der bislang höchste Pass auf 4167 m.ü.M.
Der bislang höchste Pass auf 4167 m.ü.M.

Das war ein Spass! Stundenlang sassen wir einfach im Sattel und sausten die Anden hinunter. Das Panorama war immer wieder grandios und mit jeder Kurve änderte sich die Aussicht. Mal konnten wir das Nebelmeer im Tal, mal die benachbarten Berge oder kleine, an anderen Hängen liegende Dörfchen sehen. Und auch bei der Abfahrt veränderte sich die Vegetation: Hatten wir auf Passhöhe karge Tundra-Landschaft, so trafen wir am Fusse der Anden auf tropischen Regenwald.

 

Bis Guayaquil ging es dann aber noch gut 80 Kilometer im Flachen weiter. Diese brachten wir dank dem Höhentraining rasch hinter uns und flogen förmlich zu unserem Routenziel. Was wir dabei hingegen etwas vermissten, war das angenehme Klima der Berge, das zum Velofahren deutlich angenehmer war. In Küstennähe war es nämlich tropisch-feucht und innert kürzester Zeit waren alle Kleider vollgeschwitzt, so wie wir das aus Südostasien noch bestens kennen. Von Guayaquil wurden wir positiv überrascht. Obwohl die Millionenstadt von Reiseführern nicht unbedingt empfohlen wird, haben wir doch einige schöne Örtchen entdeckt. Auch die Busfahrt konnten wir mithilfe des freundlichen Hotelpersonals problemlos organisieren. Nun hoffen wir, dass im Bus alles klappt und wir, die Velos und das ganze Gepäck sicher nach Peru gelangen.

 

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