Japan

5. Etappe: Kyoto nach Tokio

09.04.2016 – 22.04.2016

Bei der Reise von Thailand nach Japan hat alles so reibungslos geklappt, dass es uns schon fast ein bisschen langweilig wurde. Eine kurze Aufregung kam einzig beim japanischen Zoll auf. Da wir nämlich keine Hotelbuchung und daher keine Aufenthaltsadresse hatten, wurde uns beim ersten Versuch die Einreise schlichtweg verweigert. Durch das Angeben eines beliebigen Hotels in Tokio liess sich dieses Problem beim zweiten Versuch an einem anderen Zoll-Schalter dann jedoch elegant umgehen.

 

Kaum waren wir offiziell auf japanischem Boden, stellten sich uns diverse logistische Herausforderungen. Obwohl wir uns im Voraus über den Transport von Fahrrädern im japanischen ÖV informiert hatten, war uns noch nicht klar, wie wir unsere Velos von A nach B bringen konnten. Der ursprüngliche Plan war, direkt von Tokio nach Kyoto loszufahren und dann mit dem Zug nach Tokio zurückzukehren. Der Transport von nicht-verpackten und nicht-faltbaren Fahrrädern in Zügen wie Bussen schien allerdings ein Ding der Unmöglichkeit zu sein. Sicherheitshalber drehten daher wir den Plan respektive die Strecke um. Somit lautete die Aufgabe an jenem 7. April um Mitternacht, das Gepäck, die Fahrräder und uns selber irgendwie von Tokio nach Kyoto zu bringen. Zu unserem Glück war die Touristeninformation am Flughafen die ganze Nacht über geöffnet, sodass wir sofort geeignete Ansprechpartner fanden. Diese bestätigten unsere Befürchtungen: Fahrräder wie die unseren sind weder im Zug noch im Bus erlaubt. Sie schlugen hingegen vor, uns an einen Logistikservice zu wenden. Obwohl es dort zwar relativ schwierig war, uns verständlich zu machen – Englisch ist in Japan als internationale Kommunikationssprache noch nicht üblich – kristallisierte sich bald die bislang beste Option heraus: Wir schicken die Velos und reisen selbst mit dem Gepäck per Bus nach Kyoto. Dafür brauchten wir allerdings eine Lieferadresse, also ein Hotel. Dies war dank moderner Technik mit Smartphone, Free-Wifi und Online-Diensten wie „Booking.com“ schnell organisiert. Somit konnten wir veranlassen, dass wir die noch verpackten Velos am nächsten Tag in Kyoto in Empfang nehmen konnten. Zuletzt blieb daraufhin noch die Organisation der Busfahrt, die zwar etwas Zeit kostete aber ansonsten nicht mehr allzu viele Schwierigkeiten bereitete. Um 5 Uhr morgens hatten wir also unseren Plan und konnten uns tatsächlich noch für eine Stunde aufs Ohr legen, bevor wir um 6 Uhr in der Früh zum Busbahnhof aufbrechen mussten.

 

Nach einer etwas langen dafür aber dank des modernen Busses äusserst komfortablen Fahrt erreichten wir unser Ryokan in Kyoto. Ein Ryokan ist ein traditionelles japanisches Gasthaus mit privaten Zimmern und einem Gemeinschaftsbad. In letzterem reinigt man sich erst gründlich unter der Dusche und steigt anschliessend in das heisse Bad. Im zur Verfügung gestellten Kimono gelangt man dann wieder zurück ins Zimmer, schliesst dort die Papierwände und legt sich auf der dünnen Fouton-Mattratze schlafen.

 

Unser Zimmer im Ryokan in Kyoto
Unser Zimmer im Ryokan in Kyoto

Am nächsten Tag wurden unsere Fahrräder mit einer Pünktlichkeit geliefert, die der schweizerischen in nichts nachsteht. Weil uns dieser Lieferservice so überzeugte, entschlossen wir uns, jenen gleich nochmals zu nutzen. Um die mühsame Suche nach Kartons für die Velos in Tokio umgehen zu können, sendeten wir diese zurück zum Flughafen. Es ist wohl bereits überflüssig zu schreiben, dass auch diese Lieferung wie gewünscht ankam.

 

In Kyoto hatten wir die Gelegenheit, Zeit mit Mari zu verbringen, einer Freundin von Miriams Schwester Daniela. Dank ihr konnten wir Kyoto aus lokaler Perspektive kennenlernen und erfuhren zudem viel über die japanische Kultur. Bald wurde uns klar, dass diese für die Japaner von grosser Bedeutung ist und sie gerne ausgelebt wird. So verkleiden sich beispielsweise viele inländische Touristinnen in Kyoto als Geishas, um dann in einem der edlen Kimonos die ehemalige Kaiserstadt zu erkunden und Fotos zu schiessen. Besonders viele Fotomotive boten sich ihnen mit den zu dieser Zeit noch blühenden Kirschbäumen, dem Japan-Symbol schlechthin. Auf einem Spaziergang mit Mari hatten wir abends aber auch noch das grosse Glück, eine echte Geisha, oder Maiko, wie die Unterhaltungskünstlerinnen in Kyoto auch genannt werden, zu sehen. Die Geishas bewegen sich nämlich nur selten ausserhalb von Häusern und wenn, dann nur in einem bestimmten Stadtteil.

 

Antreffen einer echten Geisha im Stadtteil „Gion” in Kyoto
Antreffen einer echten Geisha im Stadtteil „Gion” in Kyoto

Von Kyoto aus machten wir uns per Fahrrad in Richtung Nara auf. Dort gibt es einige beeindruckende historische Tempel und Schreine zu besichtigen, unter anderem steht dort das grösste Holzgebäude der Welt. Die Hauptattraktion für uns waren aber sicherlich die freilaufenden Hirsche, die sich munter unter die Touristen mischen. Besonders Tierliebhaber Michi hat die Zeit mit den zahmen Tierchen genossen und war kaum mehr von ihnen wegzukriegen.

 

Michi mit einem seiner neuen Freunde in Nara
Michi mit einem seiner neuen Freunde in Nara

Die Nacht in Nara haben wir bei einem französischen Pärchen verbracht. Dieses haben wir via „Warmshowers” kennengelernt. „Warmshowers” ist eine Unterkunft-Vermittlung für Radreisende im Internet und funktioniert vom Prinzip her gleich wie das berühmte „Couchsurfing“. Man kreiert einen Account und kann so Radfahrenden eine warme Dusche und einen einfachen Schlafplatz anbieten. Das Ganze ist kostenlos und wird einzig durch interessante Gespräche und Erzählungen vom Leben als Fahrradnomaden honoriert. Nach dem Aufenthalt schreiben dann beide Parteien einen kurzen Kommentar, was weiteren Reisenden und Gastgebern als Anhaltspunkt dienen kann.

 

In Japan waren wir zum ersten Mal mit einem GPS-Navigationsgerät unterwegs. Dies ermöglichte uns, auf sehr kleine, unbefahrene Strassen zu gelangen. Mit unserer ursprünglichen Karte-Kompass-Methode wäre das kaum denkbar gewesen. Das Navi hat uns für ein paar Tage in ziemlich abgelegene Gegenden entführt, wo wir ziemlich sicher die einzigen Touristen weit und breit waren. Zu Beginn schien es uns dort gar nicht so einfach, unseren Reisealltag zu organisieren: Wo gibt es Mittagessen? Werden wir einen geeigneten Zeltplatz finden? Wo lassen sich die Zutaten für Abendessen und Frühstück einkaufen? Wie sich herausstellte, war im fortschrittlichen Japan aber alles ganz einfach. Für das Mittagessen haben wir in Supermärkten jeweils einen gemischten Salat und einen der preiswerten, abgepackten Teller mit frisch zubereiteten Speisen gekauft und später an einem schönen Ort gegessen. Diese waren echt lecker! Im selben Zug liess sich auch gleich alles andere einkaufen. Nach geeigneten Zeltplätze mussten wir wegen der doch recht dichten Besiedelung Japans teilweise etwas länger als gewohnt Ausschau halten. Doch auch diesbezüglich stellten unser Navi und die digitalen Karten eine Erleichterung dar, da auf ihnen natürlich auch Streckenabschnitte abseits von Wohnsiedlungen zu erkennen waren. Ein paar Mal konnten wir sogar direkt am Meer zelten. Somit konnten wir beim Einschlafen dem Geräusch der Wellen lauschen und hatten beim Frühstück im Zelt die Gelegenheit, die über dem Meer aufgehende Sonne zu geniessen.

 

Auch abseits vom Meer waren die Landschaften wunderschön und abwechslungsreich. Die Abschnitte kurz nach Kyoto waren recht bergig und einige Male haben wir uns fast ein wenig in Schweizer Bergdörfer versetzt gefühlt. So oft wie noch nie auf dieser Reise sind wir in Japan zudem durch dichte Wälder geradelt und konnten immer wieder malerischen Flüsschen folgen. Spannend zu sehen waren weiter auch die Einfamilienhäuser, deren Baustil sich deutlich vom schweizerischen unterscheidet und unserer Vorstellung von japanischen Teehäusern und Tempeln nahekam. Die allermeisten Häuser haben ferner einen ausgiebigen Gemüse- und Blumengarten. So oft wie wir Japanerinnen und Japaner beim Gärtnern beobachteten, muss dies ein beliebtes Hobby sein. Dafür spricht auch die hohe Dichte an Bau- und Gartencentern.

 

Schon einiges vor Tokio wurde es allerdings wieder städtisch und vom Navigieren her so kompliziert, dass wir ohne unser neues Navi wahrscheinlich recht aufgeschmissen gewesen wären. Zum Etappenziel in Tokio, dem Flughafen Haneda, führten nämlich hauptsächlich Autobahnen und anders als in Thailand oder Laos ist dort an Velofahren nicht zu denken. Die von uns benutzten Strassen waren auf der Karte gar nicht erst eingezeichnet.

 

Einmal am Flughafen angekommen, verpackten wir unsere Velos gleich in die dorthin gesendeten Kartonboxen. Da dies erwartungsgemäss länger dauerte und die umliegenden Hotels wahnsinnig teuer waren, beschlossen wir, eine weitere Nacht am Flughafen zu verbringen und am nächsten Morgen von dort aus unsere zweitägige Erkundungstour durch Tokio zu starten. Die Velos und das meiste Gepäck liessen wir währenddessen am Flughafen bei der Gepäckaufbewahrung.

 

Bevor wir schliesslich die lange Reise nach Nordamerika antraten, verbrachten wir noch eine dritte Nacht am Flughafen. Der Grund dafür war, dass der Flug nach Seoul, unser erster Zwischenhalt, schon um 06:30 Uhr startete und wir deshalb sowieso schon mitten in der Nacht am Flughafen sein mussten. Dieses Mal wussten wir bereits, wo es die bequemsten Schlafplätze, das leckerste Essen und den besten Kaffee gab.

 

Unsere dritte Nacht am Flughafen Haneda in Tokio
Unsere dritte Nacht am Flughafen Haneda in Tokio

Japan verliessen wir etwas wehmütig, so sehr hat uns das Reisen hier gefallen. Obwohl die Leute sogar für Schweizer Verhältnisse eher zurückhaltend und reserviert sind, haben wir bloss gute Erfahrungen mit ihnen gemacht. Benötigt man Rat oder Hilfe, freuen sie sich zu helfen. Allerdings ist dies nicht immer ganz einfach, da eine gemeinsame Sprache fehlt und sich die Kommunikation eher schwierig gestaltet. Dies macht das Reisen in Japan eher kompliziert. Dafür ist alles super strukturiert, sehr sauber und funktioniert tadellos, was einem das Reisen wiederum sehr leicht macht. So oder so – wir werden Japan in bester Erinnerung behalten und sind uns jetzt schon ziemlich sicher, dass das nicht unsere letzte Reise dorthin gewesen ist.

 

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