Peru I

7. Etappe: Guayaquil nach Cusco

12.06.2016 - 07.07.2016

Die beiden Busreisen von Guayaquil bis nach Máncora und dann weiter nach Lima sind absolut reibungslos verlaufen. Die zweite dauerte zwar 20 h, war aber sehr angenehm, da wir bequem sassen und der Bus über ein Unterhaltungssystem, wie man es vom Flugzeug her kennt, verfügte.

 

In Lima haben wir in einem netten Hostel im Stadtteil San Luis gewohnt, sind dann aber nach einer Sightseeing-Tour und einer Runde Velo-Wartung bereits weitergefahren. In spezieller Erinnerung von Lima werden wir den Verkehr behalten. Die Ausfahrt aus Lima war wohl mit Abstand das Gefährlichste, das wir auf unserer Reise bisher erlebt haben. Verrückte Taxifahrer, nervöse Busfahrer und überladene Lastwagen machten uns auf unseren Velos das Leben schwer. Sie überholten knapp, bremsten kaum oder schnitten uns den Weg ab. Dass wir während der Stadtbesichtigung Zeugen eines wohl tödlichen Unfalls wurden, wirkte sich nicht unbedingt beruhigend aus. Zu unserem Glück entspannte sich die Situation etwa zwei Stunden nach Lima und so konnten wir wieder ruhigen Gemüts auf dem Pannenstreifen radeln.

 

Die ersten Velo-Kilometer in Peru waren mehrheitlich flach, sodass wir täglich lange Strecken zurücklegen konnten. Leider waren die Umgebung wie auch das Wetter wenig ansprechend. Die Panamericana nach Lima erstreckte sich durch wüstenähnliche, karge Landschaften und führte hie und da an verlotterten Häusern und Dörfern vorbei. Das Wetter war immer etwa gleich; der für Lima bekannte Nebel verdeckte auch einige hundert Kilometer südlich der Hauptstadt noch die Sonne und liess die Gegend noch trister wirken.

 

Vorort im Süden von Lima
Vorort im Süden von Lima

In diesem Streckenabschnitt war es uns nicht unbedingt nach Zelten. Auch die Reiseempfehlungen des schweizerischen EDA, Reiseberichte anderer Veloreisenden und viele Einheimische rieten davon eher ab. Deshalb organisierten wir uns so, dass wir entlang der Küste in Hospedajes schliefen oder mithilfe von „Warm Showers“ bei privaten Leuten unterkamen.

 

In der Stadt Ica, 300 km nach Lima, legten wir einen Pausentag ein und besuchten die Bilderbuch-Oase „Huacachina”. Unweit von Ica findet sich mitten in der Wüste ein kleiner See, um den herum sich mehrere Pflanzenarten gruppieren. Dazu kommen einige schmucke Restaurants, Hostels und Souvenirshops. Auf Empfehlung befreundeter Backpackers haben wir eine Tour mit einem Strand-Buggy gebucht, auf der wir in der Abenddämmerung in rasantem Tempo die Sanddünen hinauf- und hinunterkurvten. Bei einem Halt hatten wir die Gelegenheit Sand-Boarding auszuprobieren. Anstatt auf Schneepisten gleitet man die steilen Sanddünen herab.

 

Die Oase „Huacachina“
Die Oase „Huacachina“

Ab Ica wurde die Landschaft deutlich lohnenswerter und abwechslungsreicher. Wir fuhren durch diverse Dünen-Formationen, karges Steppenland und verschiedene Steinwüsten. Das Bild erinnerte oft an eine Mondlandschaft. Vor Nazca stiessen wir direkt neben der Panamericana auf den Turm von Maria Reiche, der deutschen Erforscherin der Nazca-Linien. Durch das Besteigen des ca. 15 m hohen Turms konnte man drei der berühmten Figuren erkennen, welche die Menschen der Nazca-Kultur (in der Paracas-Zeit) lange vor Christi Geburt in den Sand gescharrt hatten.

 

In Nazca haben wir nochmals unsere Vorräte aufgestockt, denn von dort aus ging es los in die Anden, wo die Dörfer nur sehr dünn gesät sein sollten und wir deshalb die Lebensmittelversorgung als eher schwierig erwarteten. Über unzählige Serpentinenkurven brachten wir also Höhenmeter um Höhenmeter hinter uns. Die Landschaft änderte sich dabei nicht gross, sie blieb karg und wüstenartig. Für die erste Nacht in den peruanischen Anden fanden wir einen Platz auf einer Anhöhe mit einer phänomenalen Aussicht, wie immer etwas versteckt vom Strassenverkehr. Bereits in dieser Nacht wurde uns klar, dass die Temperatur hier im Hochgebirge zwischen Tag und Nacht sehr stark variiert. Konnte während des Tages meist in kurzen Hosen und T-Shirt gefahren werden, fiel das Thermometer in der Nacht auf 0 Grad oder sogar darunter.

 

Wegen der eher spärlichen Versorgungsmöglichkeiten kamen nun unsere Tupperwares oft zum Einsatz: Trafen wir auf ein Restaurant, liessen wir uns eine Extra-Mahlzeit einpacken. Kochten wir selbst, bereiteten wir die doppelte Menge zu. Die Speisen schmeckten nämlich auch kalt am Folgetag und wir waren nicht darauf angewiesen, uns zur Mittagszeit bei einem Restaurant einzufinden.

 

Als wir die Passhöhe von etwa 4200 m erreicht hatten, war der erste der vier Andenpässe von Lima bis Cusco geschafft. Vor dem zweiten Pass konnten wir eine Abfahrt bis auf fast 3000 m geniessen. Die darauffolgende Passhöhe auf 4500 m war der Anfang eines ca. 100 km langen Hochplateaus, das von den Einheimischen „Pampa” genannt wird. Wir schafften es nicht, das ganze Hochplateau, das entgegen seines Namens eben nicht flach sondern sehr hügelig war, an einem Tag abzufahren. Daher mussten wir eine Nacht auf ca. 4500 m zelten. Wir fanden wiederum ein wunderschönes Plätzchen, diesmal direkt bei einem tiefblauen Bergsee. Diese Nacht war aber wegen der Höhe die bisher kälteste. Am Morgen konnten wir im Zelt drin unseren Atem als Wölkchen sehen – draussen haben wir -9°C gemessen. Selbst das im Zelt aufbewahrte Trinkwasser war teilweise gefroren und über die Aussenplane zog sich eine feine Eisschicht. Diese Nacht hatten wir es trotz Schlafsack und etlicher übereinander getragener Kleidungsstücke nicht geschafft, warme Füsse zu kriegen.

 

Blick vom Zelt aus auf einen der vielen Bergseen
Blick vom Zelt aus auf einen der vielen Bergseen

Komischerweise hatten wir auf dieser Höhe immer wieder Probleme mit dem Kocher. Als wir uns am besagten Abend zur Abhilfe warmen Tee und für Miriam eine Bettflasche machen wollten, streikte der Kocher. Er wollte einfach nicht anspringen. Voller Sorge dachten wir schon, der Kocher hätte einen Defekt. Nach Konsultation der Bedienungsanleitung fanden wir allerdings heraus, dass unser bisheriger Brennstoff, Benzin, auf dieser Höhe schon in seiner flüssigen Form verdunstet und sich daher nicht mehr richtig entzünden lässt. Kälte und Wind verunmöglichten unser Vorhaben gänzlich. Obwohl wir auf heisses Wasser zu verzichten hatten, hungern mussten wir nicht. Wir hatten zum guten Glück noch eine Mahlzeit in unseren Tuppern auf Lager. Petroleum, den alternativen Brennstoff, konnten wir zu unserer grossen Erleichterung auch bereits am nächsten Tag in einem kleinen Dorfladen beziehen.

 

Puh… Petroleum gefunden!
Puh… Petroleum gefunden!

Die Strapazen des Hochfahrens und des Frierens haben sich aber zu mehr als 100% gelohnt. Die Landschaftsbilder mit Flora und Fauna waren erneut phänomenal. An manchen Stellen haben wir meilenweit ins Tal gesehen, haben beobachten können, wie sich unsere Strasse über Kilometer nach unten, oder eben nach oben, windet. Wir erblickten Schneeberge, die sich spektakulär im Hintergrund auftürmten und kamen an kleinen Seen vorbei, welche die Szenerie im fast schwarzen Wasser dramatisch spiegelten. Auch die Tierwelt machte die Strecke aufregend, wir fühlten uns wie auf einer Safari, als wir über Tage immer wieder neue Tierarten erspähten. Unsere Favoriten sind sicher die Lamas und Alpakas, die wir zu tausenden gesehen haben. Die Fellknäuel auf vier Beinen machen immer ein so verdutztes Gesicht, wenn sie uns an sich vorbeiziehen sehen, dass man immer wieder aufs Neue schmunzeln muss. Aber auch die anmutigen Vicuñas, die wir bis jetzt nicht kannten und die in Peru geschützt sind, haben es uns angetan. Obwohl sie eher scheu sind, rannte eine Vicuña-Familie eine Zeit lang mit uns mit. Beeindruckend waren auch die vielen grossen Bergvögel, allen voran die Kondore, die wir in der Luft kreisen sahen. Ohne jegliche Bewegung scheinen letztere stundenlang in schwindelerregender Höhe zu schweben. Ganz speziell schienen uns die „Hasenmäuse“, die den Kopf eines Hasen, den Körper einer Maus und aber ein Ringelschwänzchen haben und die wie Murmeltiere durch die unwegsamen Felsen rannten.

 

 

Ein Vicuña im gestreckten Galopp
Ein Vicuña im gestreckten Galopp

Die Strasse war selbst in dieser Höhe in einem Top-Zustand und da es auch hier Pannenstreifen gab, fühlten wir uns eigentlich sicher. Ein paar Mal passierten wir allerdings einige gefährliche Passagen, bei denen der Hang ohne Leitplanke steil abfiel. An solchen Stellen deuteten die aufgestellten Grabmäler und Kreuze auch darauf hin, dass es wohl schon Unfälle gab. Da der Verkehr aber auf der ganzen Anden-Tour eher spärlich und mit unserem Rückspiegel gut überschaubar war, kam es für uns zum Glück nie zu gefährlichen Momenten. Die Lastwagen hupten oft um sich anzukünden, überholten mit Abstand und es kam auch vor, dass wir während zehn und mehr Minuten auf gar kein Fahrzeug trafen.

 

In einigen Bergdörfern wie Puquio oder Pampamarca nahmen wir eine Hospedaje um waschen, duschen und die Vorräte auffüllen zu können. In fast sämtlichen Ortschaften waren wir wohl seit langem die einzigen Touristen. Die Einheimischen nahmen uns immer sehr herzlich auf und fragten neugierig nach unseren Reiseplänen, unseren bisherigen Erfahrungen in ihrem Land oder unserem Leben in der Heimat. Die Dörfer waren jedoch allesamt auch sehr arm und rückständig, Natelempfang gab es meist nur sehr schwach und auf die Frage nach dem Internet wurden wir auf die 30 km entfernte Stadt verwiesen. Natürlich waren denn auch die Herbergen dementsprechend einfach. Auf die Betten legten wir der Sauberkeit wegen lieber unsere Zeltunterlage und die Matten, aufgrund fehlender Isolation schliefen wir auch im Hostel in der Daunenjacke und nach heissem Wasser für die Dusche mussten wir oft gar nicht erst fragen. Um unsere Einkäufe erledigen zu können besuchten wir, und das ist nicht übertrieben, über zwanzig Tante-Emma-Läden und Marktstände. Dennoch möchten wir auch diese Erfahrung kaum missen. Es zeigt einem wieder einmal auf, in welchem Luxus wir zuhause doch leben! Und die Leute hatten immer ein Lächeln für uns übrig und machten einen so zufriedenen Eindruck, dass sich mancher Westler eine Scheibe abschneiden könnte.

 

Nach der zweiten Andenkette ging es dann etwas wehmütig auf 2000 m herunter – wir wussten nämlich auch hier, dass wir jeden einzelnen Meter dann wieder hochstrampeln müssen. Zuerst konnten wir aber ca. 150 km durch ein imposantes Tal fahren. Der Fluss hatte sich über Jahrtausende in das Gestein gefressen und spektakuläre Felsformationen zurückgelassen.

 

Das Tal des „Rio Pachachaca Abancay“
Das Tal des „Rio Pachachaca Abancay“

Im relativ warmen Abancay, der Stadt des ewigen Frühlings auf 2500 m, legten wir nochmals einen Pause-Tag ein und nahmen uns dann die beiden letzten Pässe vor. Auch dieser Abschnitt bescherte uns wunderschöne Landschaften. Doch nach zwei Wochen zerrte das Hochfahren langsam etwas an den Nerven und wir waren froh, als wir auf dem vierten und letzten Pass ankamen und in Richtung Cusco hinunterrollen konnten. Leider regnete es an diesem Tag, sodass wir die gesamte Regenausrüstung montieren und danach wegen der schmutzigen Strassen im Hostel wieder reinigen mussten. Schon lange sehnten wir uns nach dem Moment das Ziel Cusco zu erreichen. Die Ankunftsfeier nach den geleisteten gut 16'000 Höhenmeter (fast zweimal vom Meer auf den Mount Everest ;-) ) musste aber leider ausbleiben. Wir hatten beide etwas Schlechtes gegessen und mussten daher das Bett hüten – auch das gehört leider zum Reiseleben. Eine gebührende Feier soll aber noch nachgeholt werden.

 

Nun haben wir vor, in Cusco ein paar Tage das Grossstadtleben zu geniessen, etwas auszuspannen und dann natürlich den berühmten Machu Picchu zu besuchen. Dazu dann aber mehr im nächsten Reisebericht.

 

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